JW-Kolumne 2014



jW-Ausgabe 27./28.12.2014 - "Gute Vorsätze - nüchtern betrachtet"

Immer wenn ein neues Jahr beginnt, glauben viele Menschen, sich ebenfalls erneuern zu müssen. Sie wollen sich ändern. Zumindest ein bisschen. Ändern ist nötig, wenn etwas nicht passt. Das wäre jeden Tag möglich. Richtig gute Vorsätze brauchen aber die Besinnlichkeit einer Endzeitstimmung und einen verklärten Blick auf die Realität des Lebens. Es ist immer wieder ergreifend, wenn das Jahr von einer Sekunde zur anderen auf Neubeginn schaltet, sozusagen zurück auf Werkseinstellung. Da lässt es sich zielorientierter - was für ein kraftvolles Wort - über gute Vorsätze reden, als mittendrin, wenn alles im Fluss ist. Es ist zur Tradition geworden, am Jahresende das Gute und Schlechte im Leben zu sortieren. Das hat etwas mit dem Januar zu tun, dem ersten Monat des Jahres. Sein Name geht auf Janus, den römischen Gott des Anfangs zurück. Der Januskopf mit seinen zwei Gesichtern schaut zurück und zugleich nach vorn.

Nüchtern betrachtet, komme ich zu dem Schluss, dass bisherige Vorhaben mindestens seit zehn Jahren nicht in die Tat umgesetzt wurden.Ansonsten müsste man sich nicht jedes Jahr das gleiche vornehmen. Zu den Top Ten gehören stets ein stressfreieres Leben und mehr Zeit für die Familie. Klingt gut. Aber da kann sich einer vornehmen was er will, wenn Überstunden heute zum Arbeitsalltag gehören.Gesetzlich vorgeschriebene Pausen werden oft nicht eingehalten, weil sonst die Arbeit nicht zu schaffen ist. Termin- und Leistungsdruck, Arbeitsplatzunsicherheit und auch schlechte Bezahlung sind gravierende Stressfaktoren. Lange Arbeitswege und das Koordinieren mehrerer Teilzeitjobs zerren an den Nerven. Krankenkassen melden einen Anstieg psychischer Erkrankungen um 50 Prozent. Mindestens die Hälfte davon geht auf Überforderung bei der Arbeit zurück. Da müsste sich einer am Silvesterabend eigentlich vornehmen, an den Umständen etwas zu ändern, die den Arbeitnehmer ins Hamsterrad treiben.Vielleicht gemeinsam mit den Kollegen, die es auch satt haben, immer und überall zur Höchstform aufzulaufen. Lokführer haben doch gerade gezeigt, wie so etwas mit Konsequenz und Dranbleiben funktioniert. Ansonsten bleibt der Wunsch nach Veränderung reine Verkündung.

Der gute Vorsatz, nicht mehr zu rauchen, hat es geschafft. Er ist auf die hinteren Plätze der Vorhaben-Liste gerückt. Aber auch hier, so scheint mir, waren nicht allein starker Wille und Einsicht der Raucher entscheidend. Da haben die Anti-Raucher Bestimmungen und die ständig steigende Tabaksteuer kräftigen Rückenwind gegeben. Das Blatt hat sich gewendet. Früher rauchten die Leute, um dazu zugehören. Heute muss man dafür Nichtraucher werden. Das könnte noch für ein gutes Viertel der Gesamtbevölkerung am Silvesterabend ein Ziel für das nächste Jahr sein.

Auffällig ist, dass sich die guten Vorsätze immer nur um das eigene Ich drehen. Mehr sparen,. gesünder essen, öfter Sport treiben, weniger fernsehen und ab und zu das Smartphone abschalten. Alles sehr egozentrisch.Wie wäre es, den Horizont etwas weiter zu stecken? Das ist leichter als täglich den inneren Schweinehund zu überwinden, ins Fitness-Center zu gehen und nach 18.00 Uhr zu hungern. Es gibt Vorsätze, die das ganze Jahr über durchzuhalten sind, ohne sich zu quälen. Da brauchte auch keiner schon nach drei Monaten schlapp zu machen. So ergeht es nämlich über der Hälfte der gängigen Vorhaben. Gehen Sie künftig nostalgisch einkaufen. Mit Stoffbeutel, Korb und Tasche.Das könnte den Plastiktüten- Müll erheblich einschränken. 7,5 Millionen Tonnen dieser Abfälle geraten jedes Jahr in die Meere. Überwiegend sind es Tüten, die zur Todesfalle für seine Bewohner werden. 39 mal um die Erde könnten aneinandergereihte Plastiktüten gewickelt werden, die jährlich in Deutschland verbraucht werden.

Alle, die immer Tränen in den Augen haben, wenn die schrecklichen Filme über misshandelte Tiere laufen und sie vor Mitleid gar nicht hinsehen können, sollten sich vornehmen, zum guten alten Sonntagsbraten zurückzukehren. Man muss nicht gleich zum Vegetarier werden, um einer profitorientierten Fleischerzeugung, bei der das Tier nur noch ein Produktionsfaktor ist, Einhalt zu gebieten. Auch scheinbar Unspektakuläres kann Großes bewirken.

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jW-Ausgabe 13./14.12.2014 - "Fest-der-Liebe-Horror"

Was wäre das Weihnachtsfest ohne Stress, Frust, Streit und Enttäuschung? Nichts! Wahrscheinlich gäbe es längst kein Weihnachten mehr, wenn wir uns nicht jedes Jahr aufs Neue so wahnsinnig aufspulen könnten. Es bliebe eine kleine bescheidene Geburtstagsfeier für das Kind, das auf Heu und auf Stroh in einem Stall gebettet wurde. Aber klein und bescheiden geht nichts mehr. Ein No go, wie es heute heißt. Darum müssen alljährlich Menschen in der Adventszeit vor unsäglichen Schäden an Leib und Seele bewahrt werden. Psychologen, Ärzte, Ernährungswissenschaftler, Verhaltensforscher, Feuerwehrmänner, Kommunikationstrainer, Mediatoren geben rund um die Uhr Tipps und Empfehlungen, zelebrieren Verhaltensmuster und Erste Hilfe- Maßnahmen. Man muss annehmen, eine große Katastrophe, der Ausbruch eines Vulkans steht unmittelbar bevor. Vielleicht könnte künftig dazu übergegangen werden, Sammelpunkte und Notunterkünfte für Weihnachtsopfer einzurichten, wo sie bei Bockwurst mit Kartoffelsalat - früher ein typisches Heiligabend-Essen – wieder zurückgeholt werden ins Leben.

Ich finde es schade, dass aus dem Fest der Liebe ein solches Horrorszenarium gemacht wird. Viele Männer und Frauen, Väter und Mütter denken bereits, dass sie nervös, überspannt und gereizt sein müssen. Wie stünden sie sonst da? Ohne Lebensmitteleinkäufe, die in einen Kleintransporter passen. Ohne Ehestreit. Ohne Frust auf die eingeladenen Verwandten. Ohne die falschen Geschenke. Ohne den Weihnachtsbaum im angesagten Design. Ohne die Lüge über den Weihnachtsmann rechtzeitig aufzuklären. Ohne wenigstens einmal im Jahr in die Kirche zu gehen. Sie gerieten in den Verdacht, sich nicht richtig auf das Fest vorbereitet zu haben, so eine Art Spielverderber zu sein.

Nun fragte ich mich, wo die Leute in der Weihnachtszeit, in der sie doch von einer Weihnachtsfeier in die andere torkeln, backen, kochen und essen müssen und in einen Kaufrausch verfallen, die Zeit hernehmen, sich auch noch zu streiten. Was bringt sie so in Rage? Bei wem und wo denn Weihnachten gefeiert werden soll, ist das beliebteste Streitthema. Das erinnert an ein Date. Gehen wir zu mir, zu dir oder tschüss. Damit waren die Fronten geklärt.Ganz so einfach ist es mit ihren Eltern und Tanten und seiner Verwandtschaft nicht. Aber mit etwas Weitblick könnte doch das Rotationsprinzip probiert werden. Jeder ist mal dran. In der Politik wird es eingesetzt, um Machtmissbrauch zu verhindern. Das täte auch den Familien gut, und sie könnten weitere weihnachtstypische Streitpunkte abschwächen. Beispielsweise, ob der Weihnachtsbaum angemessen geschmückt ist und das richtige Essen ausgewählt wurde. Na, wenn uns weiter nichts quält, dann geht es ja. Die ganz schwierigen Fragen, die die Familien so das Jahr über bewegen, sollten sowieso nicht erwähnt werden, raten die Psychologen. Da wissen manche Heiligabend - Gesellschaften sicher gar nicht, worüber sie überhaupt reden sollen. Aber immerhin werden sie dem Abend gerecht, der ja auch als stille Nacht bezeichnet wird.

Streitereien flammen immer wieder auf, ob es denn nun „ an“ Weihnachten oder „zu“ Weihnachten heißt. Dass beides geht, glaubt schon keiner mehr. Zu-Verfechter im Norden und Osten des Landes wurden durch die übermächtige An-Fraktion überzeugt, dass sie ihr ganzes Leben lang grammatikalische Analphabeten waren. Man muss eben auch zu Hause richtiges Deutsch sprechen.

Am unkompliziertesten gehen wahrscheinlich die Kinder mit Weihnachten um. Sie freuen sich auf den Weihnachtsmann, egal ob sie noch an ihn glauben oder nicht. Aber auch damit geraten Eltern in gewaltige Gewissensnöte. Wenn die Frage nach der Herkunft des bärtigen Gesellen kommt, so wird geraten, darf nicht weiter gelogen werden. Das könnte das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern zerstören. Als ginge es hier um die Suche nach dem leiblichen Vater. Mein Sohn teilte mir als Kind von 6 Jahren einmal mit, dass er längst weiß, dass es den Weihnachtsmann nicht wirklich gibt. Aber er würde doch zu gern wissen, wie der die Geschenke einkauft und wie der Nikolaus unbemerkt in unsere Wohnung kommt. Da war mir klar, wie wichtig Kinderträume sind und dass wir sie in uns bewahren sollten. Vielleicht gelingt dann sogar ein Fest ohne Anti-Stress-Therapie.

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jW-Ausgabe 29./30.11.2014 - "Nicht für die wilde Ehe!"

Gabriela K.und Jörg S. leben seit Jahren zusammen. Beide sind über 30 und wünschen sich ein Kind. Schon lange schweben sie von Monat zu Monat zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Bevor sie mit Schuldfragen ihre Beziehung belasten, haben sie sich in ärztliche Behandlung begeben. Herkömmliche Methoden führten nicht zum Erfolg. Das Wunschkind lässt weiter auf sich warten. Eine künstliche Befruchtung wäre eine Chance. Als gesetzlich Versicherte steht ihnen keine Kostenbeteiligung ihrer Krankenkasse im Bereich der Reproduktionsmedizin zu. Sie sind nicht miteinander verheiratet. Sie leben in wilder Ehe. Sie dürften die Behandlung natürlich selbst bezahlen. Das können sie sich aber im Moment mit befristeter Arbeit und einem Mindestlohn nicht leisten.

Peter M. ist 63. Es gruselt ihn, wenn er daran denkt, in Rente zu gehen. Ohne Arbeit kann er sich sein Leben nicht vorstellen. Er verdient weit mehr als er braucht. Das, was er sich reichlich gönnt, ist Alkohol. Wenn der Pegel stimmt, geht es ihm gut. Hinweise darauf, dass er schon abhängig sei, weist er empört zurück. Er braucht keine Hilfe. Dann spielt eines Tages seine Leber nicht mehr mit. Trotz Behandlung wird sein Zustand lebensbedrohlich. Eine Lebertransplantation könnte ihn retten. Er kommt auf die Liste, weil Ärzte und Psychologen ihm bescheinigen, dass er keinen Alkohol mehr anrühren wird

Der Vergleich hinkt natürlich. In einem Fall geht es darum, das Leben zu verlängern, im anderen Fall soll neues Leben entstehen. Bei Gabriela und Jörg handelt es sich um eine Störung, die als Krankheit nicht richtig definiert ist. Unfruchtbarkeit tut nicht weh, und man kann daran nicht sterben. Es macht nur unglücklich und verzweifelt. Peter M. weiß schon recht gut, warum er in einen solchen gesundheitlichen Zustand geraten ist. Aber Alkoholismus ist als Krankheit, als Sucht fassbar. Gemeinsam ist beiden Behandlungen, dass sie sehr teuer sind , sie gehen in die Tausende. Ein hundertprozentiger Erfolg lässt sich weder in dem einen noch in dem anderen Fall voraussagen.

Es geht mir nicht darum abzuwägen, wer mehr Anspruch auf medizinische Hilfe hätte. Moralische Sichten haben hier nichts zu suchen. Darum begrüße ich, dass Peter M. nicht als Alkoholiker von der Liste gestrichen wurde. Und ich verurteile, dass gegenüber dem unverheirateten Paar bei der Kinderwunschbehandlung das traditionelle Lebensmodell bevorteilt wird, dass heute genauso vakant ist, wie alle anderen Bindungen.Nun ist es den Kassen direkt untersagt, bei unverheirateten Paaren eine künstliche Befruchtung mitzufinanzieren. Vom Bundessozialgericht wurde allein die Ehe, also eine auf Dauer angelegte Beziehung, als Lebensbasis für ein Kind angesehen. Den Kindeswohlbelangen trägt sie mehr Rechnung als eine nichteheliche Partnerschaft, so die Richter. Das ist Diskriminierung und Ungleichbehandlung auf höchstem Niveau. Und noch dazu nicht wahr. Weit über 100 000 minderjährige Kinder sind jährlich von Scheidungen ihrer Eltern betroffen. Finanziell aufwendige und nervlich zermürbende gerichtliche Trennungen sind ein Grund, warum weniger gern geheiratet wird.

Wenn heute der Song von Udo Jürgens über das ehrenwerte Haus erklingt, dann schmunzeln die Älteren. Vielleicht erinnern sie sich, dass in ihrer Jugend ein erwachsenes Paar mindestens als verlobt gelten musste, wenn es zusammenwohnen wollte. Ansonsten konnte das als Verstoß gegen die guten Sitten rechtlich geahndet und der Vermieter der Kuppelei bezichtigt werden. Tatsächlich ist es erst oder schon 37 Jahre her, als der Sänger 1977 die Mieter eines Hauses zu einem unverheirateten Paar sagen ließ: Ziehen Sie hier aus! Denn eine wilde Ehe, das passt nicht in dieses ehrenwerte Haus. So etwas sagt heute keiner mehr. Aber gedacht wird es schon noch. Das, was eben immer so war, klebt lange wie Sirup.

Und wenn es nur auf einem kleinen Handzettel einer Dampf-Bettfedern-Reinigung aufblitzt, die durch die Dörfer tourt. Sie preist allen Hausfrauen eine günstige Gelegenheit an. Die Hausfrauen können sogar bei der Reinigung anwesend sein und Aussteuerware in Augenschein nehmen. Wo kommen die denn her, fragte ich mich. Die Hausfrauenehen sind doch nun wirklich etwas von gestern. Manche in diesem Lande haben aber wohl die Zeit verschlafen. Das wäre bei den Bettenreinigern verzeihlich, bei Sozialrichtern nicht.

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jW-Ausgabe 15./16.11.2014 - "Einmal Sankt Martin sein "

Es ist endlich vorbei. Ich kann das Wort Mauerfall nicht mehr hören. Und wenn mir noch einmal jemand wie in einem Kriminalfall die Frage stellt, wo ich am 9. November 1989 war, beiße ich. Wie ein Hund, der dauernd mit Fistelstimme gefragt wird: Na, wo ist denn das Stöckchen? Nicht, dass ich mich über das Ereignis vor 25 Jahren nicht gefreut hätte. Aber irgendwann muss man ja auch mal wieder nach vorn schauen dürfen. Schließlich steht bereits Weihnachten vor der Tür.

Bei den reichlichen Blicken in die Vergangenheit und bei Jubel, Trubel, Heiterkeit fiel mir allerdings auf, dass es bei allen Unterschieden doch etwas gibt, wo sich Ost und West sehr ähnlich sind. Beide können gigantische Jubiläen inszenieren, wo nicht nur Ballons in den Himmel steigen. Ich hatte mich schon früher gefragt, ob der Aufwand für solcherlei Vorführveranstaltungen nicht nützlicher zu verwenden wäre. Diese Gedanken kommen mir auch jährlich wiederkehrend zu Silvester. Wenn das Geld für dieses ganze „Knall und Peng“ gegen den Hunger, gegen Seuchen, für sauberes Wasser auf der Welt eingesetzt würde... Da müssten die vielen Hilfsorganisationen und Initiativen vielleicht weniger eindringlich den Klingelbeutel schwenken.

Da damit nicht zu rechnen ist, wurde es höchste Zeit, dass die Jubelarien verklingen und endlich Weihnachten seine Emotionen verbreiten kann. Tannengrün gegen Staatsflaggen. Weihnachtsbäume gegen Ballonstelen. Der Handel zeigt sich schon beunruhigt. Die Weihnachtseinkäufe sind durch die Novemberereignisse völlig überlagert worden. Es wird bereits prognostiziert, dass die Leute durchschnittlich 20 Prozent weniger für Geschenke ausgeben wollen als im Vorjahr. Vielleicht tun sie das, um mehr zu spenden.Immerhin wird ein Rekordspendenjahr vorausgesagt. Vor allem dank Ebola. Wie gut, dass immer wieder etwas ausbricht, weggeweht, überflutet wird. Das Dramatische öffnet das Portmonee eher als vorbeugende Maßnahmen, Katastrophen zu verhindern.

Dass sich die weihnachtliche Stimmung zunehmend durchsetzt, merke ich an der Post in meinem Briefkasten. Kinder, Kranke, Behinderte, die Opfer von Naturkatastrophen, Hunde, Katzen, Eisbären, bis hin zu Toten in Kriegsgräbern. Sie alle klopfen an mein Herz. Tatsächlich spenden die Menschen in keiner Zeit des Jahres so viel wie vor Weihnachten. Sie möchten einmal im Jahr Sankt Martin sein und so wie dieser berühmte Heilige, geben, ohne zu nehmen. Auch er half Notleidenden und Verfolgten, teilte seinen Mantel mit einem Bettler. So weit geht unsere Nächstenliebe nun doch nicht. Das Unglück darf nicht zu nahe herankommen und auch nicht so sichtbar sein. Unterkünfte für Flüchtlinge? Also möglichst nicht in unserer Stadt! Da spenden wir lieber für ein gutes Gewissen.

Gespendet wird oft aus dem Bauch heraus. Es ist auch wirklich schwer, sich zu entscheiden. Selbst wer auf Spendensiegel achtet, die an Organisationen vergeben werden, die nachweisbar verantwortungsbewusst mit den gesammelten Geldern umgehen, hat die Qual der Wahl. Es sind Hunderte mit sauber klingenden Namen. Immer wieder wird hinter manchen eine aufgeblasene Spendenindustrie entdeckt, die umtriebige Werber und Verkäufer ernährt. Mehr als 30 Prozent vom Eingesammelten sollen nicht für Werbemittel und Verwaltung verwendet werden. Postkarten, Aufkleber und Anhänger in einem Spendenbrief machen mich misstrauisch. Darum spende ich gern ohne Animation. Für den Tierschutzverein in meinem Kreis, für andere überschaubare Projekte. Ich packe einen Schuhkarton mit Geschenken für ein Kind. Oder ich drücke der jungen Frau mit dem Kopftuch, die bei Wind und Wetter eine Obdachlosenzeitung verkauft, etwas in die Hand. Da haben wir beide Freude – sofort und unverzüglich.

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jW-Ausgabe 01./02.11.2014 - "Selbstgemacht oder aufgetaut? "

Sie wollen nicht abreißen, die Themen, die die Intimsphäre berühren und gleichzeitig an ethisch-moralischen Prinzipien der Gesellschaft rütteln. Gerade wurde noch über die Geschwisterliebe debattiert und der Pädophilie der Kampf angesagt, da zerreißen wir uns die Mäuler über Social Freezing. Also dieses Einfrieren von weiblichen Eizellen, um jenseits der natürlichen Fruchtbarkeit noch eine Schwangerschaft zu ermöglichen. Das Meinungsangebot ist umwerfend. Die einen feiern es als einen Befreiungsschlag der Frauen gegen die sinkende Fruchtbarkeit. Die anderen entdecken mehr weibliche Selbstverwirklichung und einen neuen Schritt der Emanzipation. Auch als eine Form von Gleichberechtigung gegenüber Männern werden die gefrosteten Eier gesehen. Schließlich würde mancher tolle Hecht mit 70 noch Kinder zeugen, während Frauen im fortgeschrittenen Alter höchstens Enkel betreuen können. Auf die Verschiebung der Generationsfolge wird verwiesen, denn späte Kinder hätten kaum die Chance, mit Großeltern erwachsen zu werden. Alles nicht falsch und im Entscheidungsfall durchaus bedenkenswert.

Dass dieses Thema plötzlich so massiv über uns hereingebrochen ist, haben wir dem Umstand zu verdanken, dass zwei US-amerikanische Konzerne mit der Bezahlung für das Einfrieren unbefruchteter Eizellen ihrer jungen Mitarbeiterinnen Karrieren und Produktivität sichern wollen. Wahrscheinlich rechnet sich das besser als Kinderbetreuung und Elternzeit, die u.a. auch zu den sozialen Angeboten der Unternehmen gehören. Natürlich geschieht hier nichts uneigennützig. Das wäre wohl etwas viel verlangt von einem gewinnträchtigen kapitalistischen Konzern. Wenn Wohlfühlgeschenke gemacht werden, muss dabei etwas rüber kommen. In diesem Fall wären es keine Ausfallzeiten bei Schwangerschaft und Geburt, kein später Kommen und früher Gehen bei Krankheit des Kindes, kein Anspruch auf Kinderbetreuung, keine einsatzmindernden Gewissensbisse, eine schlechte Mutter zu sein, kein Urlaubsbegehren in attraktiven Ferienzeiten. Vielleicht nicht mal ein Partner, der zu Hause nervt. Kinderlos und immer verfügbar. Das erspart Stress auf beiden Seiten. Auf den Punkt gebracht: Kinder stören. Nicht nur bei der Arbeit.

Die Variante, die Fruchtbarkeit der Frau zeitweise auf Eis zu legen, ist in der boomenden Reproduktionsmedizin auch bei uns nicht neu. Schon vor Jahren konnten Ärzte jungen Frauen, die durch eine Krebsbehandlung mit Unfruchtbarkeit rechnen mussten, anbieten, zuvor Eizellen einfrieren zu lassen. Eine wunderbare Möglichkeit, das Leid und die Ängste der Erkrankten in Grenzen zu halten. Inzwischen wird diese Möglichkeit der Konservierung zunehmend von Frauen genutzt, die an sich kerngesund, aber eben noch nicht bereit und willens sind, jetzt ein Kind zu kriegen.Sie bezahlen für diese Entscheidung selbst. Sie sind keinem Arbeitgeber zu Dank verpflichtet, wenn sie sich Jahre scheinbarer Ungebundenheit erkaufen. So viel Freiheit muss sein. Auch die, kinderlos zu bleiben. Social Freezing nimmt den Druck und die Angst, den richtigen Zeitpunkt für die Erfüllung eines Kinderwunsches zu verpassen. Nicht mehr und nicht weniger.Vor über 50 Jahren befreite die Pille davon, ungewollt schwanger zu werden. Und was wurde geunkt und orakelt! Keine Kinder mehr, nur noch Sex. Nichts hat sich dramatischer auf die Geburtenfreudigkeit ausgewirkt als gesellschaftliche Unsicherheit und Zukunftsängste. Nach der Wende hatte sich die Geburtenrate in Ostdeutschland innerhalb von 5 Jahren halbiert. Noch heute sind befristete Arbeitsverträge und Zeitarbeitslöhne bei jungen Paaren eine Bremse für das Kinderkriegen. In Ost und West.

Anstatt medizinischen Fortschritt zu verteufeln, ist es doch viel wichtiger danach zu fragen, warum Paare den Kinderwunsch immer weiter nach hinten schieben. Bis dahin, dass der Reproduktionsmediziner eingreifen muss. Warum gelingt dieser Spagat zwischen Beruf und Familie nicht? Warum sind Kinder mehr Last und Opfergang als Freude und Bereicherung? Es sind nicht allein die noch nicht vollkommenen Betreuungsangebote, die ungenügende Bereitschaft der Männer ihre Arbeitgeber mit Vaterpflichten zu konfrontieren, die starren Strukturen der Arbeitswelt. Frauen und Männer müssen aufhören, Kinder wie eine noch fehlende Anschaffung in ein Konsum- und Spaßkonzept zu zwängen. Dann hätte beim Zeugen selbstgemacht deutliche Chancen gegen aufgetaut.

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jW-Ausgabe 18./19.10.2014 - "Besser rüstig als rostig "

Mal ehrlich – woran denken Sie, wenn Sie das etwas verstaubte Wort „rüstig“ hören? Richtig – an eine Alte oder einen Alten. An Menschen also, die für ihr Alter noch recht beweglich und klar wirken. Mir fallen dabei immer wiederkehrende Zeitungsmeldungen über rüstige Rentner ein, die Einbrecher und Diebe in die Flucht schlagen und mitunter sogar stellen. Die Polizei könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Oder ältere Bürger treiben sich in Fitnessstudios rum, hecheln mit Nordic-Walking-Stöcken durch die Wälder, stärken sich bei Wassergymnastik und klettern auf Berge. Die Alten können machen was sie wollen, sie können noch so geistig und körperlich fit sein und schneller rennen als die Jungen, ihr Alter wird mit Worten und Wendungen scharf markiert. Sie sind nicht sportlich geblieben, sondern eben noch rüstig. Immerhin besser als rostig. Von Oldies ist die Rede, von Leuten, die noch gut drauf oder gut beieinander sind. Sie werden als Oma und Opa angesprochen, manchmal gleich geduzt oder übertrieben vornehm alte Dame oder alter Herr genannt. Am einfachsten ist es, sie generell als Rentner zu bezeichnen. So, als wäre das ihr Beruf, als hätten sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht. Das kann durchaus freundlich gemeint sein. Eben so, als würde man mit einem kranken Pferd reden. Oder mit kleinen Kindern. Nur dass das Wörtchen „noch“ hier „schon“ heißt: Wie toll du schon laufen kannst, lobt der Papa. Wie schön du schon alleine isst, freut sich die Tagesmutter. Was am Anfang des Lebens eine Belobigung ist, klingt an seinem Ende wie eine Diskriminierung. Von läppisch bis respektlos reicht das Spektrum der Vokabeln im Umgang mit älteren Menschen.

Zu verbalen Entgleisungen und Klagen über die zunehmende Masse der Alten neigen nach meinen Beobachtungen insbesondere Menschen, die selbst bereits in der mittleren Lebensphase angekommen sind. Wahrscheinlich ist das eine Möglichkeit, sich vom unerwünschtem Älterwerden abzugrenzen. Natürlich darf jeder so alt sein wie er sich fühlt. Die WHO hat jedoch eindeutige Regeln dafür aufgestellt, wo sich Männer und Frauen unabhängig von ihrer Befindlichkeit einzuordnen haben. Hier beginnt das Altern nach dem 50. Geburtstag. Das merken insbesondere Arbeitnehmer, die in dieser Lebensphase arbeitslos werden und die trotz des angeblichen Facharbeitermangels keiner wegen ihres fortgeschrittenen Alters einstellen will. 60 bis 75 jährige werden als ältere Menschen bezeichnet, richtig alt wird man dann zwischen 76 und 90. Nicht zu vergessen, dass der Abwärtstrend viel früher beginnt. Rein biologisch hat der Mensch seine maximale Körpergröße mit 20 Jahren erreicht. Danach setzt bereits die Schrumpfung ein.

Studien belegen, dass das Alter überwiegend mit Defiziten belegt ist. Unter 10 Merkmalen, die das Alter ausmachen, sind mindestens sieben negative. Neben Krankheit werden Vergesslichkeit, Einsamkeit, Schmerzen, Haarausfall, Falten, Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit genannt. Diese Negativbilanz überschattet wichtige Guthaben älterer Menschen, wie Erfahrung, Kompetenz, Geduld. Es scheint dringend notwendig, das Bild vom Alter zu verändern und die Einstellung dazu nicht allein auf die Lebensjahre zu reduzieren. Ich meine eine differenziertere Wahrnehmung des Alters.

Menschen, die ab 70 nur noch als potentieller Pflegefall gesehen werden, die in jeder zum Thema passenden Diskussion daran erinnert werden, rechtzeitig den richtigen Heimplatz zu buchen, das Erbe zu regeln, entsprechende Vollmachten bereit zu legen, die folgen irgendwann den Erwartungen und Prophezeiungen. Altern ist zwar ein nicht vermeidbarer körperlicher Prozess, dem sich trotz Anti-Aging keiner entziehen kann, aber er lässt sich durch eine positive Einstellung zum Leben gelassen und selbstbestimmt gestalten. Als ich für mein Buch „Warum denn nicht!“ mit Frauen sprach, die 50 aufwärts einen Partner gefunden hatten, beeindruckte mich ihr Mut, sich auf Unbekanntes einzulassen und trotz Falten und Zipperlein alterslos zu werden. Es wurde nie gefragt, ob sich das noch lohnt, ob es nicht schon viel zu spät ist, etwas Neues anzufangen. Das Leben hatte noch einmal begonnen und schien endlos zu sein. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, eine dieser Frauen und ihre Männer als rüstig zu bezeichnen.


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jW-Ausgabe 04./05.10.2014 - "Brüderchen und Schwesterchen "

Das ist der Stoff für das Herz-Kino. Jung, reich, schön, verliebt. Dann stellen die Liebenden durch Zufall fest, dass sie den gleichen Vater haben. In allerletzter Minute gesteht die Mutter der Braut, dass ein anderer Mann Vater ihrer Tochter ist. Sie war die Folge einer kleinen Affäre. So läuft es im Film. Im realen Leben - weniger reich und weniger schön - gibt es sie wirklich – die verbotene Liebesbeziehung unter Geschwistern. Im deutschen Strafgesetzbuch wird im Paragraph 173 der Beischlaf zwischen leiblichen Abkömmlingen, Verwandten aufsteigender Linie oder leiblichen Geschwistern unter Strafe gestellt.Zuwiderhandlungen können mit bis zu drei Jahren Freiheitsentzug und Geldstrafen geahndet werden. Es handelt sich um eine Straftat gegen den Personenbestand, die Ehe und die Familie. Dass es nicht als sexuelle Straftat bezeichnet wird, ändert nichts daran, dass liebende Geschwister kriminell handeln. Daran haben sich die Moralvorstellungen der Mehrheit der Bevölkerung orientiert.

Und nun wird da so ein Knaller losgelassen. Der Deutsche Ethikrat gab die Empfehlung, Liebesbeziehungen unter volljährigen Geschwistern zu entkriminalisieren. Ein mutiger Vorstoß inmitten aufgebrachter Debatten um Missbrauch, Kinderpornographie, Pädophilie, Nacktheit, sexuelle Aufklärung, gesetzliche Gleichstellung der Homo-Ehe. Nun auch noch Inzest. Neue Liberalisierungsversuche passen gerade nicht in die sexualpolitische Landschaft. Obwohl wir es hier, im Gegensatz zu den anderen Themen, nur mit einem Nebenschauplatz zu tun. Es kommt nämlich ganz selten vor, dass sich Gerichte mit Inzest unter Geschwistern oder Halbgeschwistern beschäftigen müssen. Einmal in zehn Jahren, wie die Statistik ausweist. Darum erregte der öffentlich gewordene Fall des Geschwisterpaares aus Sachsen, die vier gemeinsame Kinder haben, vor einiger Zeit großes mediales Aufsehen. Wie eben alles, was mit Sex zu tun hat und nicht alltäglich ist.

Das genetische Risiko für die Nachkommen aus solchen Beziehungen ist unbestritten. Aber das haben andere Eltern auch, wenn es bereits Erbkrankheiten in der Familie gibt oder ein Paar selbst behindert ist. Es gibt heute genügend Möglichkeiten der Aufklärung, der vorgeburtlichen Untersuchung bis hin zu einem Schwangerschaftsabbruch, um individuell das Risiko einzuschätzen, es anzunehmen oder abzulehnen. Da bedarf es keiner vorbeugenden Schutzmechanismen. Ganz nüchtern betrachtet, ist das bei einvernehmlichen Sex eines volljährigen Geschwisterpaares eine Einmischung in die Privatsphäre. Die kontroverse Debatte um die Geschwisterliebe, so scheint mir, bleibt an den gesundheitlichen Folgen hängen. Mögliche Erbkrankheiten, wie Mukoviszidode, Herzfehler und geistige Behinderung werden wie Schreckgespenster benannt. Es fehlt nur noch, dass auf die „Volksgesundheit“ und die „Reinhaltung des Erbgutes“ verwiesen wird. Damit wurden in dunkler Vergangenheit kranke und behinderte Menschen aussortiert.

Inzest hat die Menschheit schon immer beschäftigt. Frühe Stämme wollten sich öffnen gegenüber neuen Mitgliedern und bestraften den Geschlechtsverkehr unter Blutsverwandten sogar mit dem Tode. Bekannt ist das von den Inkas. Anders in den Oberschichten. Hier sollte durch Geschwisterehen der Besitz nicht in fremde Hände geraten. In der griechischen Antike war es ein Vorrecht der Götter, sexuell unter sich zu bleiben. Zeus heiratet seine Schwester Hera. Ihr Sohn nimmt seine Schwester Kora zur Ehefrau. Auch im heutigen Europa gibt es keinen einheitlichen Umgang mit dem Inzest. In Frankreich, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Spanien und Portugal, selbst in Russland gibt es keine Verbote.

Es ist kaum zu befürchten, dass Straffreiheit bewirken würde, dass nun öfter als bisher Brüderchen und Schwesterchen von erotischen Gefühlen heimgesucht werden. Aber gegen wahre Liebe ist kein Kraut gewachsen. Selbst Verfolgung und Paragraphen sind da machtlos. Sie können Menschen jedoch dazu bringen, heimlich, versteckt, mit Lügen und ständiger Angst vor Entdeckung zu lieben. Es würde aus meiner Sicht nichts befördert und nichts verhindert werden. Warum dann nicht wenigstens bei unerwarteten Ratschlägen von Experten erst mal bis drei zählen und nachdenken, bevor politisch losgepoltert und ignoriert wird.


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jW-Ausgabe 20./21.09.2014 - "Gesucht und nicht gefunden "

Die Suche nach dem richtigen Partner scheint heutzutage eine wirklich schwierige Aufgabe zu sein. Sind Männer und Frauen zu wählerisch geworden? Fehlt es an Zeit, sich selbst umzuschauen? Haben nur die Schönen und Starken eine Chance? Ist man sich selbst genug und kommt damit sogar ganz gut zurecht? Je mehr das demonstriert wird, so finde ich, desto weniger ist es wahr. Es bleibt der kleine Zwischenraum zwischen Sehnen und Hoffen. Diese Lücke ist ein gigantisches Geschäft geworden. Nicht nur bei den Partnervermittlungen für jeden Bedarf. Auch das private Fernsehen geht seit Jahren für die Zurückgebliebenen, Verzweifelten, Ungeliebten auf die Suche. Herzzerreißend offen und nicht ganz uneigennützig, wie man sich denken kann.

Ein Format löst das andere ab. Gesucht werden Schwiegertöchter für große Jungs, die das Hotel Mama nicht verlassen wollen. Gesucht werden Frauen für Küche, Stall und Bett bei vereinsamten Bauern. Und es sucht der Rosen verteilende Bachelor. Der arme Mann muss über 20 Frauen ausprobieren, um eine in sein Herz zu schließen. Inzwischen durfte nun auch eine Bachelorette in einer Horde flotter Männer stöbern und ihren Platzhirsch sondieren. Zumindest ein Zug ausgleichender Gerechtigkeit. Sonst könnte man noch auf die Idee kommen, das Konzept für die Rosenkavaliere entspringt frauenfeindlichen Gehirnen. So nach dem Flatrate-Muster in deutschen Bordellen. Aber das wäre wirklich zu weit gegriffen, denn Sex ist bei diesem Kennenlernen ausdrücklich untersagt. Und wer da betrügt, der fliegt.

Jüngst suchte noch Adam nach Eva. Nackt natürlich, wie angeblich Gott die Menschen geschaffen hat. Eigentlich musste am menschenleeren Südseestrand niemand gesucht werden, denn Eva war schon da. Erst als ein zweiter Adam wie Phönix aus der Asche oder besser wie Neptun aus dem Meer stieg, entfaltete sich ein dramaturgisch vorgegebener Spannungsbogen. Gerade sind Adam und Eva vorzeitig im Meer verschwunden. Es war zu wenig los. Keiner geiferte, keiner sann nach Intrigen, keiner war hässlich und doof. Warum die Protagonisten nackt herumliefen, war schwer zu verstehen. Das war genauso wenig sexy wie ein FKK-Strand.. Da hätte man doch wenigstens den Sündenfall - also den Baum der Erkenntnis und die Schlange ins Spiel bringen können. Aber am Sandstrand in praller Sonne wachsen wohl keine verbotenen Früchte.

Was also richtet das wilde Suchen im Fernsehen an oder aus? Die Treffer bleiben überschaubar. Aber das ist auch kein Wunder, wenn sich anbahnende Gefühle ständig vor der Kamera abspielen müssen und die Gespräche der Partner wie auswendig gelernte Sätze aus einem Manuskript klingen. Ob das alles echt ist oder gespielt wurde, ist völlig egal.Es geht schließlich auch nicht darum, den Kandidaten die große Liebe ins Haus zu zaubern. Ein Fernsehsender ist keine Vermittlungsagentur.

Wirklich wichtig sind die skurrilen Geschichten, die sich zwischen Menschen ereignen, die tatsächlich Schwierigkeiten haben, sich zu artikulieren, sehr betulich leben, die Schönheit nicht gerade gepachtet haben und etwas einfältig wirken. Sie brauchten Hilfe, um sich, ihr Umfeld, ihre Lebensansprüche etwas zu verändern. Aber dann könnte man sie nicht mehr vorführen. Ein Millionenpublikum dringt in ihr Leben, in ihre Häuser, in ihre Familien ein, um sich zu belustigen, um zu lachen, um festzustellen, dass die doch alle von gestern sind. Nur sie, die Zuschauer, die sind von heute. Sie beurteilen, bemitleiden und empören sich, dass man so blöd doch gar nicht sein kann, so etwas mit sich machen zu lassen. Leider begreifen sie nicht, dass gerade sie es sind, die eine peinliche und öffentliche Brautschau möglich machen. Sie fragen nicht danach, wie viel geistige Armut nötig ist, um sich an den Unzulänglichkeiten anderer Menschen zu weiden. Bis zu acht Millionen schalten bei „Bauer sucht Frau“ ein. Mit Lust auf Schadenfreude und Häme.

Das, so meine ich, ist das Heimtückische an diesen Suchsendungen. Beklatscht wird nicht der Erfolg, sondern die Niederlage. Das nimmt der Zuschauer aus der Spaßgesellschaft mit in seinen Alltag. Auf die Schulhöfe, in die Kneipen, auf die Parkplätze, in die Büros, auf die Baustellen. Ohne zu fühlen, wo die Schmerzgrenzen liegen. Eine reichhaltige Nahrung für Intoleranz aller Schattierungen.


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jW-Ausgabe 06./07.09.2014 - "Der jüngere Mann "

Vor ein paar Jahren erzählte mir ein ratsuchender 67jähriger Witwer, dass er nicht damit fertig wird, dass die Frau, die er vor einigen Monaten kennen gelernt hatte, ein Jahr älter ist als er. Er hat es zufällig erfahren, aufgefallen wäre es ihm nicht. Rein äußerlich hätte er der um Jahre Ältere sein können. Seine Partnerin, mit der er sich bisher blendend verstanden hat, nimmt seine Bedenken nicht ernst. Sie glaubt, es wäre ein Scherz. Das dachte ich auch erst. Aber je mehr wir redeten, desto weiter entschwand er ins Gestern. Er ist geprägt vom alten Rollenmuster des Versorgers und Beschützers. Da musste die Frau jünger, kleiner und möglichst auch weniger klug sein als der Mann. Letztes schien mir bei der Frau ganz und gar nicht gegeben. Ich musste dazu raten, sich zu trennen. Vor allem im Interesse der Frau. Ich war mir sicher, dass er noch findet, was er sucht. Bei aller Emanzipation laufen in jedem Alter genügend weibliche Wesen herum, die zum Partner aufschauen wollen – und das nicht nur weil er größer ist.

Kürzlich traf ich bei der Geburtstagsfeier einer Freundin deren Tochter mit einem 11 Jahre jüngeren Mann. „Er studiert noch“, raunte mir meine Freundin ins Ohr. Na, und? Eigentlich wollte sie fragen, was ich davon halte und ob so etwas denn Zukunft hat. Ja, hat es durchaus, denn die heutige Generation junger Männer ( natürlich bei weitem nicht die ganze) ist bei der Gleichberechtigung der Geschlechter bereits angekommen. Diese Männer haben sich von den Fesseln der traditionellen Partnerwahl befreit und wünschen sich starke Frauen. Sie leiden nicht darunter, dass sie beruflich schon weiter ist und mehr verdient. Das Materielle spielt in solchen Beziehungen ohnehin keine dominante Rolle. Hier zählen Lebensqualität und Freiräume, die man sich gegenseitig lässt. Junge Männer schätzen die Reife und Lebenserfahrung der älteren Partnerin. Und das um so mehr, wenn sie bereits mit zickigen, ständig auf Selbstverwirklichung bedachten jüngeren Freundinnen ihre Erfahrungen gemacht haben. Sie haben die Nase voll von Frauen, die sich ständig selbst und ihm etwas beweisen müssen. Das sind Burschen, die schon in der Herkunftsfamilie berufstätige und souveräne Frauen erlebt haben. Darum sind sie in der Lage, auf männliche Rollenbilder und jegliche Art von Überlegenheit zu verzichten.

Über die Unkenrufe von Tante Klara, dass der sich sowieso bald nach einer Jüngeren umsehen wird, riet ich getrost hinweg zu hören. Aus diesem Grund gehen solche Beziehungen, im Gegensatz zu den scheinbar altersmäßig passenden, selten auseinander. Viel eher scheitern sie an den unterschiedlichen Einstellungen zur Familienplanung. Entweder ist er noch nicht so weit und sie fast drüber. Aber auch das mit der tickenden Uhr bei Frauen, die auf die 40 zugehen, ist ja nur noch bedingt richtig. Dieser Wecker lässt sich dank der modernen Fortpflanzungsmedizin auf Wunsch neu einstellen. Für ganz entscheidend halte ich, dass Frauen ihre Ausstrahlung und Attraktivität nicht nur an einem jugendlichen Aussehen messen. Wer angstvoll in den Spiegel schaut und die Falten zählt, kann nicht mehr auf Augenhöhe lieben.

Folgt man den Medienaufregern über prominente Paare, also solchen, wo der Mann deutlich jünger ist als die Frau, so könnte man fast denken, das wäre schon Normalität. Aber wir wissen natürlich, dass es über Normalität gar nichts zu klatschen gäbe. Also sind es eben doch immer noch die Ausnahmen, die beschrieben, belauert, beäugt werden. Wenn auch die Tendenz bei jenen steigt, die nicht über den roten Teppich laufen müssen. Die Wahrheit ist, dass bei uns im Durchschnitt der Mann vier Jahre älter ist als die Frau. In jedem zehnten Fall sind beide gleichaltrig. Auf die ältere Frau in einer Beziehung fallen nur 17 Prozent. Bei sechs Prozent ist einer von beiden älter als zehn Jahre. Während der Mann mit der wesentlich jüngeren Partnerin immer noch als toller Hecht gefeiert wird, muss sich die ältere Frau bei solchen Eroberungen fragen lassen, ob sie das wohl nötig habe.

Selbstbewusste Frauen wussten mit dümmlichen Fragen schon immer umzugehen. Selbst in Zeiten, als solche Konstellationen noch ganz und gar undenkbar waren. Zum Beispiel Rosa Luxemburg, die mit dem 14 Jahre jüngeren Kostja Zetkin, einem Sohn von Clara Zetkin, eine langjährige Liebesbeziehung pflegte. Sie folgte einfach ihren Gefühlen.


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jW-Ausgabe 23./24.08.2014 - "Das Ende des Sommers "

Die wirklich heißen Tage dieses Sommers haben Familie B. dazu veranlasst, sich endlich auf ihrem Balkon mit einer Markise vor der Sonne zu schützen. Eingedenk des Risikos, an Hautkrebs zu erkranken und der deutlichen Anzeichen eines Klimawandels, ist es dem Ehepaar gelungen, in diesen Augusttagen mit der nicht ganz unkomplizierten Installation fertig zu werden. Beide hatten auch schon an eine Klimaanlage für gesunden Schlaf gedacht. Da war es plötzlich und unerwartet vorbei mit Afrika auf dem Balkon.

Der Sommer hat sich verabschiedet wie ein treuloser Liebhaber. Einfach auf und davon. Dafür blüht das Heidekraut, die Wälder riechen nach Pilzen. Zum Grillen muss man einen Schal umbinden und die Steppweste vorzeitig aus dem Schrank holen. Unter ähnlichen Kältewellen leiden gerade die heißen Urlaubsflirts. Natürlich weiß jeder, dass das mit der Frau oder dem Mann fürs Leben im Urlaub meistens nicht klappt. Über die Hälfte der reisenden Singles tummelt sich dennoch mit dieser Vorstellung an den Stränden herum und flutet die Pool-Bars. Der emotionale Ausnahmezustand in sommerlauen Nächten und fern der Heimat hält immer wieder davon ab, rechtzeitig den Verstand einzuschalten und einfach nur ohne Rückversicherung zu genießen. Die Erfolgsquote, aus einem Urlaubsflirt etwas Festes zu machen, liegt unter 20 Prozent. Immerhin! Vielleicht sind einige Verlierer dieses Jahres im nächsten Sommer dran. Und schließlich hat auch der Herbst noch schöne Tage, wo man seinen Drachen steigen lassen kann. Bloß nicht der Urlaubsliebe nachtrauern. Wer nach der Abreise spätestens am nächsten Tag weder SMS noch E-Mail empfängt, muss sich keine Hoffnungen mehr machen. Wem ohnehin erst zu Hause einfällt, dass ihm oder ihr die Urlaubsliebe doch mehr bedeutet hat, als vor Ort geplant war und darum vorsorglich vergessen wurde, nach der Adresse zu fragen, sollte nun auch keine Suchportale bemühen. Aus nichts wird nichts. Es ist vorbei. Die Liebelei und der Sommer.

Wenn etwas zu Ende geht, kann das ja auch etwas Gutes bedeuten. Endlich hören sie auf, diese Endlosschleifen im Wiederholfernsehen. Viele Leute guckten bloß noch, um herauszufinden, ob sie den Film oder die Zusammenschnitte von Talk-Runden schon mal gesehen hatten. Sozusagen ein Test für das Erinnerungsvermögen, was ja bei den steigenden Demenzerkrankungen durchaus Sinn macht. Mir fällt eine Sendung im DDR-Fernsehen ein. Die hieß“ Rumpelkammer“. Vielleicht diente sie jetzt als Vorlage für das Sommerprogramm der Daheimgebliebenen. Vom Titel her passt es. Damals waren die ollen Kamellen allerdings echte Filmklassiker und keine Ausputzer für die Saure-Gurken-Zeit. Ich ahne, dass uns das jähe Ende des Sommers eine zeitige Vorfreude auf Weihnachten beschert. Bald gibt es wieder Pfefferkuchen und Zimtstangen in den Märkten. Einen würzigen Glühwein könnte man tatsächlich jetzt schon vertragen.

Zuvor aber versüßen wir Deutschen den kleinen Schulanfängern ihren Weg in den Ernst des Lebens. Zwischen Ende August und Mitte September werden in allen Bundesländern die Erstklässler eingeschult. Ihre Schul- oder besser Zuckertüten zeugen von der Liebe ihrer Eltern, ihrer Großzügigkeit und ihrem Einfallsreichtum. Schon Erich Kästner schrieb, dass die Eltern während seiner Einschulungsfeier kleine, mittelgroße und riesige Zuckertüten in den Händen hielten. Sie verglichen die Tütengrößen und waren, je nachdem, neidisch oder stolz. Die vom kleinen Erich war schwer wie ein Kohleneimer und reichte ihm bis zur Nasenspitze. Das war 1905, das ist also über 100 Jahre her.

Nicht nur der Brauch, der im Sächsischen und Thüringischen vor etwa 200 Jahren begonnen haben soll, hat sich erhalten, sondern auch das Vorführverhalten der Eltern. Früher demonstrierten Väter und Mütter mit prächtigen Schultüten ihr Interesse an Bildung. Es wäre schön, wenn das heute auch in den Parlamenten so wäre. Deutschland steckt seit Jahrzehnten gerade da zu wenig rein, wo es um das Wissen für morgen geht.

Eine Vermessung der Schultüten in Ost und West hat ergeben, dass die Ost-Tüten mit durchschnittlich 85 Zentimeter 15 Zentimeter länger sind als die West-Tüten. Öfter sind sie auch sechseckig statt rund. Da passt natürlich mächtig was rein. Nicht nur Süßes. Mit irgend etwas hat eben jeder mal die Nase vorn.



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jW-Ausgabe 09./10.08.2014 - "Rabenmütter gibt es nicht "

Lukas gehört zu den unter dreijährigen Kindern, die seit einem Jahr einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kita haben. Trotz rechtzeitiger Anmeldung, also noch bevor er das Licht der Welt erblickte und ständigen Nachfragen der Eltern, fand sich nach seinem ersten Geburtstag kein Platz in einer Einrichtung. Da ging es nicht nach der Reihenfolge der Vormerkungen, sondern ob schon ein Geschwisterkind in Betreuung ist. Und ob man als Junge oder als Mädchen in den vorhandenen Bestand passt. Da hatte Lukas Pech. Er hat noch kein älteres Brüderchen oder Schwesterchen. Und Jungen waren gerade nicht gefragt. Die Stadt ist dennoch in der Lage, den Bedarf zu bedienen. Eine Reihe von Tagesmüttern schließt die vorhandene Lücke. Bei seiner Tagesmutter wurde er der Hahn im Korb in einer Gruppe von vier kleinen Mädchen. Nun konnte seine Mama wieder arbeiten gehen. Zunächst drei Tage in der Woche. Alles paletti, wären da nicht die Öffnungszeiten. Um 16.00 schließt die Tagesbetreuung, auch bei den Kitas fällt um 17.00 Uhr die Tür ins Schloss. Bis dahin schaffen es die Eltern von Lukas wegen langer Wege nicht, ihn abzuholen. Welch ein Glück, dass zwei Omas in der Nähe wohnen, die den kleinen Kerl abwechselnd in den Abend geleiten.

Nun tuten auch noch die Betriebe in das Kita-Horn. Der Deutsche Industrie-und Handelskammertag hat in einer Studie herausgefunden, dass mehr als die Hälfte der Firmen leitende Positionen nicht mit Müttern besetzen können. Wegen der beschränkten Kita-Öffnungszeiten können sie sich nicht auf Vollzeitarbeit einlassen. Die Firmen rufen lauthals ins Land nach Veränderungen, anstatt vielleicht selbst in einen Betriebskindergarten zu investieren. Dafür gibt es deutschlandweit gute Beispiele. Die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie steht hier stärker im Vordergrund. Die Betreuungsangebote sind auf die Arbeitszeit der Eltern abgestimmt.

Andere Studien verweisen auf die ungenügende Qualifikation des Erziehungspersonals und auf generell zu wenig Frauen (warum eigentlich nur Frauen?), die in diesem Beruf tätig sind. Möglichst sollte die Ausbildung akademisch sein, um Schnellkurse und Quereinsteiger zu vermeiden. An Qualitätsstandards wird gebastelt.

Alles richtig. Eine Studie jagt die andere. Jede weist nach, was besser werden muss. Ich meine, ein schöner Kita-Tag ist nicht allein vom Schulbankdrücken des Personals, von Gruppenstärke und super ausgestatteten Räumen abhängig. Wer die Liebe für diesen Beruf nicht mitbringt, wer keine Geduld hat und nicht selbst mit Kinderaugen sehen kann, dem nutzt sein ganzes pädagogisches Wissen nichts. Für große Ausbildungsprogramme fehlt ohnehin das Geld. Das gibt man ja gerade für die Erhöhung des Betreuungsgeldes aus, um die Kinder, die Förderung nötig hätten, aus den Kitas fern zu halten.

Genug gemeckert. Wenn es auch noch an Plätzen mangelt und die Betreuung nicht überall auf höchstem pädagogischen Niveau verläuft, so hat sich aus meiner Sicht doch sehr viel getan in puncto Kinderbetreuung außerhalb der Familie. Vor allem in den Köpfen der Eltern. Immer mehr wünschen sich einen Kita-Platz. Nicht nur wegen der eigenen beruflichen Profilierung und um Geld zu verdienen. Sie wollen ihren Kindern soziale Kontakte zu Gleichaltrigen ermöglichen. An einem Ort, wo sie sich ausprobieren können und Regeln einhalten müssen, wo sie lernen und gefördert werden. Die Erlebniswelt einer Kita ergänzt die elterliche Erziehung. Es ist keine Notlösung mehr, um arbeiten zu können. Alles braucht eben seine Zeit.

Die Eltern von unserem kleinen Lukas waren noch die Kinder von Rabenmüttern. Als vor 25 Jahren Ost und West aufeinander prallten, herrschte helle Empörung über Frauen, die ihre Kinder in Krippen und Kindergärten „abgeschoben“ hatten. Die in einer Reihe auf den Töpfchen sitzenden Krümel wurden zum Sinnbild von Zwang schon an den Kleinsten. Heute darf man über solche Fotos lächeln. Auch weil sich die Pampers-Generation mit den gemütlichen und saugstarken Höschen übermäßig viel Zeit lässt, nicht mehr einzupinkeln. Nicht nur das hatten die Rabenmütter gut im Griff. Sie wussten wahrscheinlich schon immer, dass es gar keine Rabenmütter gibt. Rabenpaare sind nämlich treue Partner, die ihre Brut mit großer Sorgfalt gleichberechtigt großziehen. Welchen Menschenpaaren gelingt das schon mit dieser Vollkommenheit?

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jW-Ausgabe 26./27.07.2014 - "Der kleine Nebenbuhler "

Sie sitzen an einem Wohnzimmertisch wie bei einem Kaffeekränzchen. Fünf junge Frauen, so um die Dreißig. Eine hat ihren Freund mitgebracht. Man kennt sich. Zwei der Frauen arbeiten gemeinsam in einem Betrieb, die anderen kommen aus der Nachbarschaft. Die Frau vorn am Tisch gehört nicht dazu. Sie ist gerade dabei, allerhand farbige Gegenstände aus einem Koffer auf dem Tisch auszubreiten. Die Verkaufsveranstaltung kann beginnen. Es mutet an wie eine Tupperparty. Aber statt verschließbarer Döschen und Schüttelbecher für die Küche geht es heute Abend um Gurken, Möhren, Mais, Bananen und Auberginen für das Schlafzimmer. Lauter Obst und Gemüse, das von der Form her als Dildo geeignet ist. Die Frauen blicken schmunzelnd auf die Ware, nehmen etwas zögerlich das eine oder andere Stück in die Hand. Es fühlt sich gut an. Jedes ist ein Unikat. Alle aus körperfreundlichem Silikon. Sozusagen Handarbeit für Handarbeit. Die Herstellerin kam auf diese heitere Idee, weil sie die herkömmlichen Produkte in den Sex-Shops abtörnend bis lächerlich fand. Inzwischen ist daraus ein Versandgeschäft für individuelle Ansprüche im Manufakturbetrieb geworden.

Bei den Sextoys ist Designerware auf dem Vormarsch. Längst sind die kleinen Lustmacher für sie und ihn aus den Schmuddelecken abgedunkelter Läden herausgekommen. Sie werden im Internet bestellt und können in Katalogen als Wellness- und Gesundheitsartikel in unmittelbarer Gesellschaft von allerhand Haushaltsgeräten ausgewählt werden. Exquisite Kaufhäuser führen diese Ware in ihren Dessousabteilungen. Und wenn das, wofür es bestimmt ist, nicht so aussieht wofür es bestimmt ist, gibt es auch keinerlei Peinlichkeit. Es lebe die sexuelle Selbstbestimmung!. Schöne Formen und leuchtende Farben paaren Lust mit Ästhetik. Digitale Vernetzungen beim Sex mit dem Smartphone, Vibratoren, die über Apps gesteuert werden oder Partnergeräte, die über WLAN miteinander kommunizieren sind der neuste Trend.. Herz, was willst du mehr! Frei und unabhängig, egal wo wir gerade sind auf der Welt, können wir es kribbeln lassen und Orgasmen erleben. Alles ist möglich. Ob mit oder ohne Partner.

Natürlich wirft die Technisierung zwischenmenschlicher Beziehungen auch ängstliche Fragen auf. Ob sich jemand an einen ständig einsetzbaren Vibrator nicht so sehr gewöhnen könnte, dass schließlich gar kein Partner mehr gebraucht wird? Und ob es nicht zur Übersättigung führen kann, wenn es sexuell immer schnell und zufriedenstellend klappt? Alles hat eben seine Vor- und Nachteile. Wer in einem Mann nur ein Objekt zur Befriedigung sexueller Lüste sieht, kann ihn natürlich durch einen Vibrator problemlos ersetzen. Der kann nämlich immer, vorausgesetzt, er ist geladen. Das ist von einem richtigen Mann nicht ständig auf Knopfdruck zu erwarten. Vorteilhaft ist, dass mit dem Vibrator eine umständliche Anmache entfällt. Das Gerät will keine Strapse sehen und braucht kein Liebesgesäusel. Es funktioniert sogar unter der Kittelschürze oder im Trainingsanzug. Das würde einen richtigen Kerl wahrscheinlich nicht auf Touren bringen. Es ist also nicht ganz auszuschließen, dass der Dauergebrauch von Vibratoren zu einem Kontrollverlust über die eigene erotische Ausstrahlung führt. Hinzu kommen ein paar gravierende Schwächen bei selbst gut gestylten Geräten. Sie können nicht küssen, nicht von Liebe sprechen, keine Tränen trocknen und nicht sagen, wie schön es gerade war.

Männern reicht das aber nicht. Sie fühlen sich unnütz, wenn sie die heimliche Benutzung eines Vibrators entdecken. Sie fragen dann gleich frustriert, ob sie denn nicht genügen. Derartige Verunsicherungen schaden der natürlichen Potenz. Da hilft es dann nur, ihn mit der gemeinsamen Benutzung eines Sexspielzeugs vertraut zu machen. Männer erkennen meist schnell die Vorzüge bei der Vor- und Nachbereitung eines Liebesaktes, wenn sie den kleinen Nebenbuhler für sich arbeiten lassen und schließlich mit vollster Zufriedenheit belohnt werden. Einen Grund für Panik gibt es nicht. Sex, den man ein- und ausschalten kann – so perfekt er auch sein mag – lässt immer etwas Sehnsucht zurück – nach Wärme, Nähe, Liebe und Unvollkommenheit. Das wird uns rechtzeitig daran erinnern, dass Nachahmungen das Original nicht dauerhaft ersetzen können. Und schließlich lässt sich Spielzeug, so wie es Kinder tun, wenn ihnen etwas Besseres einfällt, auch in die Ecke schmeißen.

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jW-Ausgabe 12./13.07.2014 - "Online am Glück vorbei "

Als ich neulich die Bank wegen einer Auskunft anrief, die sich ausnahmsweise mal nicht online erledigen ließ, wurde mir in der Warteschleife mitgeteilt, dass ich eine App für mein Smartphone herunterladen kann, um immer den aktuellen Kontostand zu sehen. Wieso meinen die von der Bank, dass ich ein Smartphone habe und dass mir weiter nichts im Kopf umgeht als mein Kontostand? Nein, ich möchte kein Smartphone besitzen. Die Geräte, die mich zu Hause mit der Welt verbinden, einschließlich eines stinknormalen Handys, reichen mir. Mich nerven schon am Computer die Facebook-Ermahnungen, dass ich wieder drei Benachrichtigungen verpasst habe und ich XYZ zum Geburtstag gratulieren müsste. Das brauche ich nicht auch noch unterwegs auf einem Smartphone. Eine meiner Freundinnen ist mit einem solchen Ding sogar lang hingeschlagen, weil sie beim Betrachten eines Selfies eine Treppe übersehen hatte. Blaue Flecke im Gesicht und Sprünge im Display. Wenn ich unterwegs bin, möchte ich einfach mal meine Ruhe haben. Vielleicht eine Zeitung lesen. Eine richtige Zeitung mit bedrucktem Papier. Da will ich den Leuten, die mir begegnen, ins Gesicht sehen. Ich will Stimmen hören und lebendiges Lachen. Ich will beobachten, wie Eltern mit ihren Kindern spielen oder Ehepaare mit dem Hund spazieren gehen. Ich möchte mich freuen, wenn sich Pärchen küssen und sich etwas zu erzählen haben. Aber was sehe ich?

Menschen, die ein kleines Gerät mit stierem Blick malträtieren. Sie spielen, schreiben, checken Mails, blättern in Fotoalben, rufen die Wetter-App auf, posten, dass sie jetzt im Bus sitzen, gucken nach, ob sie bei ihrer Singlebörse angeklickt wurden, laden die neusten Updates herunter... Egal wo ich bin. In der Bahn, auf der Straße, an der Haltestelle, in der Sprechstunde, in der Gaststätte, auf dem Spielplatz, im Wald – überall treffe ich Menschen, die gerade online sind. Da muss man sich nicht wundern, dass so viele Frauen und Männer an ihrem Glück vorbei rennen. Ach was rennen, vorbei telefonieren, vorbei simsen, vorbei mailen. Die Leute nesteln an ihren Kleincomputern herum und merken nicht, dass genau gegenüber der Typ sitzt, der zumindest mal einen interessierten Blick verdient hätte. Der Zufall im wahren Leben hat kaum eine Chance. Die Mitgliederbefragung eines Datingportals ergab, dass dreiviertel der Singles die Partnersuche nicht mehr selbst in die Hand nehmen. Sie lassen andere für sich arbeiten. Etwa 2000 Börsen stehen online zur Verfügung.

Ein wesentlicher Grund der Singles, sich nicht persönlich in das Suchen und Finden einzubringen, ist zu wenig Zeit. Beruf und Hobbys stehen im Vordergrund. Die Partnersuche online lässt sich so zwischendurch vom Sofa aus erledigen. Oder während der Dienstreise, oder bei einer längeren Sitzung auf dem Klo. Ich meine, wer allein schon keine Zeit hat, der wird auch keine Zeit für eine Beziehung haben. Es werden Fertigprodukte erwartet, die passen. Wie Schraube und Mutter oder Schlüssel und Schloss. In der Regel muss aber an einer Beziehung geschliffen und gefeilt werden. Es funktioniert nur, wenn gegenseitig ureigenste Bedürfnisse entdeckt und befriedigt werden. Aber die spielen in den Profilen und bei den Begegnungen meist gar keine Rolle. Es geht mehr darum was einer hat, was er kann und wie er aussieht. Die Dates ähneln einem Casting, bei dem man gewinnen kann. Vom Verlieben ist das weit entfernt.

Die erfolgreiche Suche in einer Singlebörse wird daran gemessen, wie oft einer angeklickt wird. Dieser Zuspruch schmeichelt und hebt das Selbstbewusstsein. Zweifellos kann niemand auf freier Wildbahn mit einer solchen Fülle von Angeboten rechnen. Es ist leichter, zu leicht vielleicht, sich per Internet anzuschmeicheln und auch wieder loszulassen. Aber die Suchenden sammeln Punkte wie mit einer Kundenkarte im Baumarkt. Die Zahl der Dates ist nicht ausschlaggebend für einen Treffer, aber eine Gefahr für Beliebigkeit. Es fällt schwer, sich zu entscheiden, wenn man weiß, dass immer wieder nachgeliefert wird. Es könnte ja noch etwas Besseres auftauchen.

Zugegeben, es gibt Momente, da tut es mir leid, kein Smartphone mit perfekter Kamera zu besitzen. Als mein zweijähriger Enkel auf einer Sommerwiese einem Zitronenfalter voller Freude und Bewunderung hinterher hüpfte, hätte ich das gern festgehalten. Aber wahrscheinlich wäre mir das kleine Wunder mit so einem Ding vor der Nase gar nicht aufgefallen.

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jW-Ausgabe 28./29.06.2014 - "Grillen und chillen "

Wir grillen heute abend«! Dieser Satz ist ein Code, ein Schlüssel zum Dechiffrieren. Zarte Rauchwölkchen steigen auf, und ein Aroma erfüllt die Luft. Es schmeckt schon, bevor es gar ist. Nachbarn, Freunde, Verwandte fühlen sich eingeladen. Alles unkompliziert, auf Zuruf, ohne Höflichkeitsmitbringsel. Mancher erinnert sich an die Kinder- und Jugendzeit, als Kartoffeln, eine Scheibe Brot oder ein gerade gefangener Fisch auf einen Stock gespießt, über ein Feuer gehalten wurden. Wie einfach und wie romantisch. So ungefähr hatte das alles mal begonnen. Als die Menschen das Feuer entdeckten, fanden sie schnell heraus, daß gegartes Fleisch wohlschmeckender und bekömmlicher ist als Rohkost. Und sie hatten es auch zuerst mit Stöcken und Speeren probiert, bis dann die Roste auftauchten. Eigentlich ist Grillen weiter nichts als das Garen durch Strahlungshitze. Man nimmt an, daß die Römer bereits im 4. Jahrhundert auf gitterförmigen metallischen Geräten brutzelten und somit als die europäischen Erfinder unseres Sommerspaßes gelten können. Die ältesten Feuerstellen wurden allerdings in China gefunden. Das paßt zu dem heutigen Fleischverbrauch in diesem Land. Nirgendwo auf der Welt wird so viel Fleisch produziert und gegessen.

Grillpartys sind inzwischen Kult geworden. Kein Pressefest, kein Vereinstreffen, keine Wahlveranstaltung ohne Grill. Er ist der Höhepunkt sommerlicher Events. Chillen und grillen ist das Programm. Schlangen von Menschen, die geduldig wie eine Schafherde auf einen Pappteller mit etwas mehr oder weniger durchgebratenem Fleisch oder eine dunkelbraune Bratwurst warten. Es wird an- und abgegrillt. Grillabende in Ost und West. Und das auf beiden Seiten bereits vor der »Wende«.Was für Gemeinsamkeiten. Die auf sich halten, verweisen auf regionale Produkte über dem Feuer. Heißes Grillgut wird mit coolen Elektrosounds serviert. Inzwischen hat sich nämlich auch die Musikbranche an das Erfolgskonzept geheftet. Musik zum Schunkeln, Klatschen, Tanzen oder einfach nur fürs Herz.

Die schönsten Grillpartys finden ganz privat in Gärten und Parks (wenn nicht verboten), an Uferböschungen und auf dem Balkon statt. Sie sind aus dem deutschen Sommer nicht mehr wegzudenken. Je mehr Sommer um so mehr gegrilltes Fleisch. So trägt diese Art der Zubereitung eines Lebensmittels erheblich dazu bei, daß wir auf einen jährlichen Durchschnittsverbrauch von 60 Kilogramm pro Kopf kommen. In seinem ganzen Leben verputzt ein Deutscher laut Statistik 1094 Tiere. Darunter vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Puten, 945 Hühner und 46 Schweine. So genau möchte sich das keiner vorstellen, wenn er gerade in seine Thüringer Rostbratwurst oder ein saftiges Steak beißt. Aber unsere Lust auf Fleisch hat noch ganz andere Folgen. Alles, was wir verzehren, will selber fressen und saufen. So wird in Europa etwa die Hälfte der Weizenernte verfüttert. 70 Prozent der Agrarflächen werden gebraucht, um Tiere satt zu bekommen. Und was dann hinten raus muß, bereitet Probleme bei der Entsorgung. Unser Fleischkonsum ist der Grund für die zunehmende Industrialisierung der Tierhaltung in immer größeren und nicht mehr überschaubaren Beständen. Darum ist es schon sinnvoll, daß Vegetarier, Veganer und solche, die es werden möchten, vom Grillen nicht ausgeschlossen werden. Mit Grillgemüse und entsprechendem Käse, Tofuwürstchen und Sojasteaks sind sie dabei. So ganz ließ sich der Bezug zum Fleisch bei den Ersatzprodukten rein sprachlich wohl nicht vermeiden. Ein bißchen Illusion muß sein.

Nicht ganz klar ist mir, was das Grillen eigentlich mit dem Chillen zu tun haben soll. Weil es sich so schön reimt, denkt offensichtlich auch niemand so richtig darüber nach. Oder weil wir Deutsche ohnehin einen Hang für Fremdwörter haben, die für alles und nichts zu gebrauchen sind. Grillen ist eine sehr lebendige Angelegenheit. Es wird beim Essen geredet, diskutiert, gelacht, gestritten. Darum ist das Grillen im Amtsdeutsch als »sozialadäquate Handlung« auch grundsätzlich erlaubt. Man darf nur andere Menschen damit nicht belästigen und Gebäude gefährden. Chillen kommt in solchen Verordnungen nicht vor. Warum auch? Es hat etwas mit faul sein, sich möglichst nicht bewegen zu tun. Abhängen also. Da wäre sie, die Verbindung zum Grillen. Abhängen wie Rindfleisch für gute Steaks.

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jW-Ausgabe 31.05./01.06.2014 - "Versorgungsausflug mit Metallkäfig "

Geht es Ihnen auch so? Mich jedenfalls gruselt es vor den wöchentlichen Einkaufsorgien. Einkaufswagen abketten und ihn vor sich her schieben. Je nach Lebenssituation mit den Gedanken an einen Buggy oder einen Rollator. Durch die Regalreihen schlängeln. Hinten angekommen – wieder zurück, weil inzwischen die Butter seitlich vorn rechts plaziert wurde. Nur keine Routine aufkommen lassen. Das Einkaufen soll das Wahrnehmungsvermögen für besondere Angebote immer wieder aufs Neue schulen. Eigentlich wusste ich genau, was ich brauche. Nun aber erblicke ich in meinem unförmigen Metallkäfig Dinge, an die ich vor dem Einkauf gar nicht gedacht hatte. Ich werde mir ein Beispiel an Käufern nehmen, die sich vorher alles aufschreiben und jede Position bei der Warenentnahme aus einem Regal auf ihrem Zettel streichen. Das sind meistens Männer, die im Auftrag handeln. Sie müssen so genau sein, um zu Hause keinen Ärger zu bekommen. Manchmal schreibe ich mir auch auf, was ich kaufen muss, aber dann vergesse ich meist meinen Zettel mitzunehmen.

Positiv an einem solchen Versorgungsausflug ist die Bewegung.Man läuft ungeahnte Strecken, muss sich bücken und dehnen, um an die gewünschten Artikel zu gelangen. Und man trifft Leute von nebenan und schräg gegenüber. Die könnte jeder auch zu Hause mal zu einem Kaffeeplausch einladen. Aber offenbar ist es unverbindlicher zwischen Wurst und Tütensuppen zu quatschen und anderen Menschen den Weg zu versperren. Was mich beim Einkaufen etwas versöhnt, sind Beobachtungen. Ungeduldige Kinder rufen: „Eltern, wo seid ihr?“ Ältere Frauen teilen ihren Männern, die auch mal nach etwas greifen wollen, im barschen Ton mit:“ Ham wa noch!“ Eine Großmutter hält vor ihrer dreijährigen Enkelin einen Vortrag über ausländische Früchte. Eine Mutter fängt ihren Zweijährigen ein, der gerade die losen Erdnüsse umparkt. Manchmal dachte ich schon an die Erfindung eines Navigationsgerätes für Kaufhallen (dieser überholte Ostbegriff beschreibt die Örtlichkeiten so treffend ungeschminkt), um zielsicherer und ohne Umwege durchzukommen. Aber das würde mich womöglich um die heiteren Episoden am Rande bringen. Jetzt bin ich an der Kasse angekommen. Korb leeren, rauf aufs Band und anschließend wieder runter. Dann rein in die Taschen, Beutel, Tüten. Zu Hause wieder auspacken. Wohin mit dem ganzen Zeug? Inzwischen habe ich mindestens fünf mal jeden gekauften Artikel in der Hand gehabt.

Die Alternative wäre, weniger oder besser bewusster einzukaufen. Schaut man vor Feiertagen oder langen Wochenenden in die Einkaufswagen, laufen sie über. Es wird eingepackt, als würden die Supermärkte nie wieder öffnen. Das, was da gekauft wird, kann kein Mensch aufessen. Auch das, was da angeboten wird, kann kein Mensch kaufen. Diese Maßlosigkeit ist ein Grund dafür, dass jeder Bundesbürger 82 Kilo Lebensmittel im Jahr - das ist täglich fast ein halbes Pfund – ins Abwasser kippt, in die Tonne wirft, damit den Komposthaufen düngt. In der gesamten EU kommen jährlich 89 Millionen Tonnen Lebensmittel um. Eine unvorstellbare Menge, die betroffen macht – nicht nur wegen des Hungers auf der Welt, aber auch ganz besonders deswegen. Nur zum Vergleich: Elefanten, je nach Art und Lebensraum, wiegen durchschnittlich 2 bis 5 Tonnen. So viele Elefanten gibt es gar nicht, um die Masse vernichteter Lebensmittel zu erreichen. Das schlechte Gewissen, dass uns bei diesem Überfluss an Essen und Trinken beschleicht, ist auch nicht auf den bundesweiten Tafeln abzulegen, die ca. 1,5 Millionen bedürftige Bürger unterstützen.

Es freut mich, dass jetzt in der EU daran gearbeitet werden soll, einige Lebensmittel von ihrem Mindesthaltbarkeitsdatum zu befreien. Solche Aufdrucke irritieren und hindern den Verbraucher immer mehr daran, seine Sinne zu gebrauchen. Früher, als die Menschen noch nicht durch Daten gelenkt wurden, konnten sie sehen, riechen, hören und im Ernstfall schmecken, ob etwas noch gut und genießbar war. Heute fliegt es ohne jede Prüfung in den Müll. Die Bezüge zu den Lebensmitteln gehen verloren. Alles ist mundgerecht, sauber, gewaschen, abgepellt, geschält, in Folie. Ich schätze es darum sehr, dass stärker auf regionale Produkte und ihre Herstellung verwiesen wird.

Man kann es mit den Bezügen allerdings auch übertreiben.Neulich kaufte ich einen kleinen Rhabarberkuchen mit genauem Hinweis was drin steckt: mit deutschem Rhabarber, mit deutschen Eiern aus Bodenhaltung, mit deutschem Mehl und deutschem Zucker, im Emsland gebacken. Es fehlte noch: nur an Deutsche zu verkaufen.


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jW-Ausgabe 17./18.05.2014 - "Immer diese Eifersüchteleien "

Wenn es um ein Beziehungsdrama geht, ist meist die Eifersucht im Spiel. Angeblich hat jeder vierte Mord oder Totschlag einen solchen Hintergrund. Solche Geschichten berühren, aber sie tragen nicht dazu bei, eifersüchtige Gefühle gänzlich zu verbannen. Gewöhnlich wird dabei an vermutete Untreue und mögliches Fremdgehen gedacht. Es können aber durchaus auch der Erfolg, die Anerkennung, die er oder sie beruflich genießt oder Erlebnisse sein, die nicht beide miteinander teilen. Auch das ist noch zu kurz gedacht. Eifersucht spielt sich ebenso außerhalb der Geschlechterbeziehungen ab. Eifersüchteleien auf einen neuen Lebenspartner gibt es bei den Kindern alleinerziehender Väter und Mütter. Unter Freunden mit sehr viel Nähe kann es zu schmerzlichen Rangeleien kommen. Und nicht zu vergessen, in der Kindheit unter den Geschwistern. Erstgeborene leiden unter den Nachfolgern.Manche Menschen haben es nicht mal als Erwachsene verwunden, dass die Eltern angeblich vorgezogen und benachteiligt hatten. Da ist es doch nur zu begrüßen, dass inzwischen jedes vierte Kind in Deutschland ohne Geschwister groß wird. Die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern könnte ein stabiles Selbstbild prägen und vor Eifersuchtsszenen in späteren Partnerschaften schützen.

Was würden da wohl die Therapeuten sagen, die schließlich alles, was stört, auf die Kindheit zurückführen? Ich bin mir sicher, es wäre ersatzweise der Alleinvertretungsanspruch des verzogenen Einzelkindes, das nicht teilen kann. Machen wir es kurz, die Keimzelle der Eifersucht ist überall dort fruchtbar, wo es sehr enge emotionale Verbindungen von Mensch zu Mensch gibt. Allerdings sind mir auch Abweichungen von diesem Muster bekannt. Der Auslöser für Eifersucht kann auch mal ein Hund sein,wenn er sich denn dafür entscheidet mehr dem Frauchen als dem Herrchen zu folgen. Oder umgekehrt. Letztendlich kämpfen aber auch hier zwei Menschen um Zuwendung und Liebe, weil zwischenmenschlich die Gefühle bereits zu kurz kommen. Eines wohnt jeder Form von Eifersucht inne. Einer fühlt sich zurückgesetzt und leidet darunter.

Problematisch wird es, wenn der Eifersüchtige mit Vorwürfen, Verdächtigungen und Kontrollen lediglich die Defizite im eigenen Selbstbewusstsein befriedigt. Ständiges und unbegründetes Misstrauen nervt und engt ein. Es werden nur plumpe Sachfragen gestellt:. Wo bist du gewesen? Wer hat da angerufen? Warum kommst du schon wieder so spät? Hier liegt der Konflikt meist nicht so sehr an der Qualität der Beziehung, sondern vorwiegend in der unsicheren Persönlichkeit des Misstrauischen begründet. Etwas gebremste Orientierung auf ihn oder sie, weniger Angepasstheit, mehr eigene Interessen könnten schon helfen, vom partnerschaftlichen Argwohn abzulassen.

Eifersüchtige Männer und Frauen eint, dass sexuelle Untreue – sei sie wirklich passiert oder nur angenommen – das hauptsächliche Motiv für detektivisches Verhalten dem anderen gegenüber ist.

Frauen allerdings springen auch schnell auf emotionale Ausrutscher des Partners an. So nach dem Motto: Wehre den Anfängen. Männer, die zu eng mit der besten Freundin tanzen, die der Kollegin Komplimente machen oder sich öfter nach attraktiven Damen umdrehen haben dann nichts zu lachen. Schade, nur wenigen Paaren gelingt es, mit etwas mehr Gelassenheit und einem Schuss Humor einfach dazwischen zu gehen. Verteidigung, Rechtfertigung und Empörung sind das Öl im Feuer eines durch Eifersucht ausgelösten Wortgefechts. Aber das kann ja mitunter auch ganz erfrischend sein, wenn festgestellt wird wie wichtig man sich gegenseitig nimmt.

Wenn jemand glaubt, besonders cool zu sein, weil er nie eifersüchtig ist, finde ich das etwas bedauerlich. Wer gar keine Angst hat, das, was er liebt, zu verlieren, kann schnell in Gleichgültigkeit versinken. Es wird nicht mehr über Gefühle gesprochen und es werden keine gezeigt. Eine Art Liebestod. Eifersucht kann positive Botschaften senden: Du bist mir wichtig. Ich will dich mit nichts und niemanden teilen. Ängste fördern die Kommunikation. Sie sind ein Anlass, Wünsche und Erwartungen immer mal wieder auszusprechen. Es sei denn, man geht ganz offen mit einer Beziehung um. Wenn sich beide Sex mit anderen Partnern erlauben, gibt es nichts Verdächtiges, Heimliches, zu Befürchtendes, Konkurrierendes mehr. Keine Tabus, Keine Spannung. Eben nichts. Da bleiben wir doch lieber ein ganz kleines bisschen eifersüchtig.

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jW-Ausgabe 03./04.05.2014 - "Alte Liebe rostet doch! "

jW-Ausgabe 03./04.05.2014 - "Alte Liebe rostet doch! "

Renate schrieb mir, dass sie die Silberhochzeit längst hinter sich hat. An Trennung hatte sie oft gedacht. Aber da gab es die Kinder, die Arbeit und andere wichtige Aufgaben. Es war nicht die Zeit, eigene Wege zu gehen. Immer hatte sie sich eine Ehe liebevoller vorgestellt. Mehr Nähe - nicht nur beim Sex. Seitdem sie und ihr Mann nicht mehr berufstätig sind, ist sie die Zielscheibe für alles geworden, was ihrem Mann missfällt. Sie will ihn verlassen. Nach über 40 Jahren Ehe. Skrupel und Ängste begleiten ihre Entscheidung.

Bernhard hat da weniger Probleme. Der Mittsechziger hat eine zehn Jahre jüngere Frau kennen gelernt. Mit ihr kann er ein aktives Leben führen. Das wäre mit seiner Frau, die nur für die Kinder und Enkel da ist, nicht möglich. Es verbinden sie keine gemeinsamen Interessen.mehr.

Manche Leute sind schnell dabei, sich an den Kopf zu fassen und zu fragen, was diese Alten denn geritten habe. Wer es solange miteinander ausgehalten hat, wird das wohl auch weiterhin schaffen.

Das sehen ältere Paare inzwischen anders. Trennungen und Scheidungen in der zweiten Lebenshälfte sind in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen. Man kann von einer Verdoppelung sprechen. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Scheidungen macht ein knappes Viertel aus. Die Frauen haben bei dieser recht einschneidenden Lebensentscheidung übrigens die Nase vorn. Männer sind eher geneigt, sich bei Missstimmungen auszuklinken.Vielfach bemerken sie den Konflikt gar nicht und fallen nicht selten aus allen Wolken, wenn sie von der Ehepartnerin mit der Trennungsabsicht konfrontiert werden. Familienforscher führen solche aufgeschobenen Konsequenzen auf eine späte Emanzipation der heute 60 bis 70jährigen Frauen zurück.

Das mag auf den Westteil des Landes durchaus zutreffen. Als diese Frauen geboren wurden, hatte der Ehemann als Oberhaupt der Familie das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder inne. Das war bis 1958 so. Wollte eine Frau arbeiten, musste ihr Mann das erlauben. Das war bis 1977 so. Ohne Zustimmung des Mannes durfte die Frau kein eigenes Bankkonto eröffnen. Das war bis 1962 so. Über 30 Jahre nach der Staatsgründung 1949 hatten Ehemänner dem Gesetz nach etwas zu gestatten, zu erlauben, zu verbieten. Das berührte jetzige Langzeitpaare noch in ihren jungen Jahren. Zumindest hinterließ es Einstellungen zur Gleichberechtigung bei Männern und Frauen. Ganz wesentlich für eine Entscheidung zwischen Bleiben oder Gehen ist wirtschaftliche Unabhängigkeit. Während 1986 in der damaligen BRD etwa 50 Prozent der Frauen berufstätig waren, hatten in der DDR 91,3 Prozent gearbeitet. Da war es für Letztere nicht so schwierig, einen ungeliebten Mann zu verlassen, eine unwürdige Beziehung zu beenden. Man musste nicht warten bis man alt und grau wird.

Ich denke, der Scheidungstrend der Alten basiert aber nicht nur auf Nachholbedarf. Wer heute mit 60 noch über 20 Jahre Leben vor sich hat, denkt auch über Lust und Liebe nach. Es sind in diesem Alter kaum akute Streitigkeiten, die auseinander führen. Meist ist es ein Schwelbrand, der immer wieder Giftwolken ausstößt, weil er nie gelöscht wurde. Begegnen sich solche Partner im Rentenalter von morgens bis abends, gibt es keine Termine mehr, außer die beim Arzt, werden persönliche Interessen und Hobbys nicht ausgebaut, schränken sich die Kontakte nach außen immer weiter ein, genügt ein Funke, um Explosionen auszulösen. Der Drang, sich in Kompetenzen einzumischen, die der andere über Jahrzehnte gut wahrgenommen hat, ist eine Folge einer unklaren Aufgabenverteilung eines Paares im Ruhestand. Es machen sich Bevormundung und Zurechtweisung breit. Das Gefühl, eigentlich doch gar nicht so alt zu sein wie man wirklich ist, fördert den Mut, noch mal etwas zu probieren. Man geht heute davon aus, dass sich Männer und Frauen etwa 10 Jahre jünger fühlen und auch um Jahre jünger aussehen.Es ist nicht ausschließlich die Suche nach einem neuen Partner, die antreibt. Manchmal ist es einfach der Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Sich von etwas zu trennen, ist eine Art Entrümpelung. Wie bei einem Umzug. Da fällt es leicht, etwas wegzuwerfen oder zu verschenken, aber auch Dinge zu entdecken, die man vermisst hatte. Vielleicht ließe sich manche festgefahrene Altehe erst mal entrümpeln, bevor der Schrottcontainer bestellt wird. Es gibt immer unersetzbare Stücke mit großem Erinnerungswert. Man findet sie, wenn man gemeinsam sortiert, was im Leben wichtig war und ist.

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jW-Ausgabe 19./20.04.2014 - "Wohin mit den Frühlingsgefühlen? "

jW-Ausgabe 19./20.04.2014 - "Wohin mit den Frühlingsgefühlen? "

Ich höre das Schnattern am Himmel schon aus der Ferne. Da sind sie wieder, die Wildgänse in majestätischer Formation. Ein großes V, das sich nach hinten weit öffnet. Ich winke ihnen nach oben zu und warte bis sie am Horizont verschwunden sind. Das ist der Tag, an dem ich den Frühling fühle. Bei anderen sind es vielleicht die ersten Stiefmütterchen im Balkonkasten. Oder wenn das Cafe an der Ecke die Stühle nicht nur für Raucher raus stellt. Kinder freuen sich auf Kniestrümpfe, Sandalen und Regenpfützen. Frühlingsgefühle sind ganz persönlich und ausschließlich positiv. Jeder darf sie haben – die Kleinen und die Großen, die Alten und die Jungen. Die Menschen werden angesteckt von der Jahreszeit, in der sich alles erneuert. “ Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/ Durch des Frühlings holden belebenden Blick“ sagt Goethe in seinem Osterspaziergang. „ Im Tale grünet Hoffnungsglück...“ Die pure Lust , sich zu regen, sich zu bewegen und aktiv zu sein.

Aber woran denken die meisten Menschen bei Frühlingsgefühlen?.Natürlich immer nur an das eine - an Sex. Als wären wir Vögel, die ihre Paarungswilligkeit im Frühjahr deutlich demonstrieren müssen, um mit der Aufzucht der Jungen über den Sommer fertig zu werden. Die sexuellen Lüste der Menschen sind nicht von jahreszeitlich bedingten Hormonschüben abhängig. Allerdings konnte man das denken, wenn man das Zeugungsverhalten von Frauen und Männern betrachtet. Noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wurden um den kalendarischen Frühlingsanfang im März auffällig viele Babys gezeugt. Natürlich hat keiner daneben gestanden.. Und Paare sind auch selten in der Lage, zu sagen, wann es genau passiert ist. Aber mit der bewährten und durchaus überschaubaren Neun-Monats-Regel kann man ja rückwärts rechnen. Und siehe da, die Sexlust im Frühjahr führte zu einem Geburtenhoch am Jahresende. Schließlich lässt der Frühling überall in der Natur die Säfte in die richtigen Kanäle steigen.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts stimmt diese Rechnung hinten und vorne nicht mehr. Die meisten Babys werden an kuscheligen Winterabenden – wahrscheinlich mit langweiligem Fernsehprogramm – gemacht. Spitzenmonat bei den Geburten in Deutschland ist der September. Aber auch andere europäische Länder zeigen diesen Trend. Also nichts mehr mit Frühlingsgefühlen und verrückt spielenden Sexualhormonen. Das bestätigt eine umfangreiche Studie der Uni München, zu Geburtenstatistiken aus fast allen Ländern der Erde. Die Veränderungen im Zeugungsverhalten erklären die Wissenschaftler mit einer anderen Lebensweise. Licht und Wärme, die für Gute-Laune-Hormone verantwortlich sind, gibt es heute auch im Winter. Das Schlafhormon Melatonin hat in den Zeiten der kurzen Tage und langen Nächte keinen so großen Einfluss mehr. Die Libido muss nicht auf die Frühlingssonne warten. Sexualität ist ein Urinstinkt, der zu allen Jahreszeiten funktioniert. Überwiegend setzt er sich erfreulich oft durch, ohne dabei an Zeugung zu denken.

Frühlingsgefühle - dieses Anbaggern, Flirten und Begehren sind eher eine optische Angelegenheit als eine hormonelle. Wenn die Wollpullover und Steppanoraks in den Winterschlaf geschickt werden und wieder mehr Haut zu sehen ist, dann kommt bei Männern und Frauen die Fantasie auf Touren .Da gleiten bei ihm sinnliche Blicke vom Gesicht über den Busen zur Taille und den Schenkeln. Sie fixiert bei ihm Gesicht und Gesäß. Auch dieses Gucken und Betrachten geht auf unsere Vorfahren zurück. Wir prüfen unbewusst die Alltagstauglichkeit des anderen Geschlechts. Dabei muss er sich heute weder bei der Jagd bewähren noch sie besonders gebärfähig sein. Das haben wir eben noch so drin und geizen im Frühling nicht mit den Reizen. Nicht nur Frauen können unter dem Einfluss derart lockerer Frühlingsgefühle zu Opfern unpassender Anmache werden. Auch Männer können sich weiblicher Begehrlichkeiten manchmal nur mit Mühe erwehren.

Also Vorsicht mit zu deutlichen Komplimenten, Anspielungen auf üppige Körperteile, unverschämten Blicken, Altherrenwitzen, Anfassen, einem Kaffee bei mir oder bei dir und ganz schlichtem Hinterherpfeifen. Das könnte falsch verstanden werden, sich als Belästigung und noch viel Schlimmeres entpuppen. Bloß keine neue Sexismusdebatte. Sie würde alle Frühlingsgefühle sofort im Keime ersticken.

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jW-Ausgabe 05./06.04.2014 - "Warum brauchen wir Geheimnisse? "

Geheimnisse haben es schwer. Es ist nicht mehr ihre Zeit. Man ist dabei, sie auszurotten. Das ist so im Großen wie im Kleinen. Alles wird untersucht, beobachtet. Überall wird gebohrt und nachgefragt, abgehört und mitgeschnitten, auf Festplatten gespeichert. Und ganz profan von den Lippen abgelesen. Das Handy kann uns orten. Auf dem Bahnhofsvorplatz bleibt es nicht mehr geheim, wenn jemand in der Nase popelt. Nun soll sogar schon der Fernseher in unser Wohnzimmer gucken können wie wir uns da auf dem Sofa rekeln. Angestachelt vom gnadenlosen Aufdecken jeglicher Geheimnisse werden Familiengeschichten aufgerollt und heimliche Liebschaften entdeckt. Kinder suchen nach Erzeugern, die bisher von ihrer Vaterschaft gar nichts wussten. Jetzt sind auch die anonymen Samenspender dran und Mütter, die ihr Neugeborenes vor Jahrzehnten auf einem Müllkasten ausgesetzt hatten. Alles nur ein Akt der Selbstfindung? Oder doch mehr risikofreudige Neugier und das Erheischen öffentlicher Aufmerksamkeit? Wenn Menschen tragische Familiengeheimnisse aus der Kindheit mitschleppen, gehören sie auf die Couch des Therapeuten und nicht auf die der Talk-Shows.

Der Feldzug gegen das Geheimnis, das Gefühl, dass ohnehin nichts zu verbergen ist, bringt Frauen und Männer dazu, mehr als nötig von sich preiszugeben. In den sozialen Netzwerken plaudern sie mit dem Blick durch das eigene Schlüsselloch mit beliebigen Freunden. Es wird nicht mehr abgewogen, wem ich etwas anvertrauen möchte. Es gibt keine Grenze, wer hereinlassen wird. Da kann es passieren, dass man sein eigenes Selbst verliert.Je größer der Verlust an persönlichen Geheimnissen wird, je stärker wir uns in unserer Intimsphäre beeinträchtigt fühlen, um so intensiver wird das Interesse an den Geheimnissen der anderen. Diese Nachfrage hat einen Markt entwickelt. Und wenn er keine tatsächlichen Geheimnisse zu bieten hat, dann werden welche erfunden.

An und für sich haben Geheimnisse eine ganz wichtige Funktion in unserem Leben. Erste kleine Heimlichkeiten im Kindesalter, also schon vor dem Schuleintritt, signalisieren den Eltern, dass die Zeit der grenzenlosen „Herrschaft“ zu Ende geht. Hier ist ein eigenes Ich gewachsen, dass nicht mehr alles erzählt. Das sollten die Erwachsenen respektieren. Etwas für sich behalten zu können, ist schließlich eine hohe Kunst der Disziplin. Mit einem gehüteten Geheimnis erleben Kinder, dass sie dieser Schatz interessant unter Gleichaltrigen macht. Genauso wichtig sind die Geheimnisse im Jugendalter. Werden sie als Zeichen zunehmender Unabhängigkeit gewertet, ist die Versuchung geringer, ihnen mit unlauteren Mitteln nachzugehen. Eltern, die sich für den Jugendlichen in ihrer Familie interessieren, auch selbst in der Lage sind, über unangenehme Dinge im Leben zu sprechen und nicht alles über Verbote regeln, müssen nicht fürchten, dass ihnen das Kind mit seinen Geheimnissen entgleitet.

Nur in Partnerschaften scheinen Männer und Frauen auf Geheimnisse gänzlich verzichten zu können. Als höchste Form der Übereinstimmung wird oft das grenzenlose Vertrauen genannt und dass man über alles reden kann. Wie zwei Hälften, die nur zusammen ein Ganzes werden. Eigentlich schrecklich, wenn man stets den Boden sieht, wie bei einem zu dünn geratenen Kaffee. Das nimmt jeder Beziehung die Spannung. Geheimnisse müssen ja nicht darauf angelegt sein, den anderen zu hintergehen. Aber ein Stück Eigenständigkeit, eigene Erlebnisse, über die man nicht Rechenschaft ablegen muss, tun ihm und ihr, also beiden.gut. Dazu gehört auch das Vorleben eines Menschen. Partner, die es nicht lassen können, in die Geheimnisse vorhergehender Beziehungen einzudringen, die jedes Detail wissen möchten, begeben sich selbst in einen zerstörerischen Teufelskreis. Sie werden die anvertrauten Geheimnisse nicht mehr los und tun so, als wären sie schon damals betrogen worden. Ebenso problematisch ist der Umgang mit einer Affäre. Beichten oder lieber den Mund halten? Wenn es nur darum geht, das eigene schlechte Gewissen loszuwerden, sollte ein solches Geheimnis ausgehalten werden. Wenn der Seitensprung ein Signal ist, in der bestehenden Partnerschaft etwas zu klären, ist er ein Anlass für mehr Offenheit. Vielleicht resultieren manche Affären auch nur aus einem Mangel an Geheimnissen, denn nachgewiesenermaßen liegt der besondere Reiz solcher Techtelmechtel darin, dass sie heimlich sind. Dem ließe sich doch vorbeugen - mit ein paar schönen Geheimnissen im Leben zu zweit.

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jW-Ausgabe 22./23.03.2014 - "Bedrohung aus der Altenrepublik "

Plötzlich fiel mir der Name von dem kleinen Hund meiner Nachbarin nicht mehr ein. Mich beschlich eine gruselige Vorstellung. Könnte das der Anfang sein? Lässt Alzheimer bereits grüßen? Vielleicht frage ich in ein paar Wochen gute Bekannte: „Muss ich Sie kennen?“ Aber dann lese ich erleichtert, dass es bis dahin 7 bis 10 Jahre dauern kann. Ich wusste ganz genau, dass die kleine Mischung aus Beagle und Dackel einen alten Mädchennamen trägt. Keinen aufgebügelten wie Anna, Paula oder Johanna. Viel weniger mondän. Am nächsten Tag kramte ich in meinem Bücherschrank. Mein Blick fiel auf ein Buch über Frida Kahlo, die mexikanischen Malerin. Und da blitzte es. Natürlich – Frida heißt das kleine Biest. Diese Eselsbrücke steht nun. Aber was ist, wenn das wieder passiert, die Schlüssel verlegt werden, die Brille verschwunden bleibt, ich nicht mehr zu meinem Enkel finde, der nur wenige Straßen weiter wohnt?

Wahrscheinlich hätte mich der an sich unwichtige Hundename gar nicht so bewegt, wenn ich nicht dauernd etwas über die Tragik des Alters lesen und hören würde. Diese bedrohliche Last für die Gesellschaft. Das ist wie in einem Horrorfilm. Wenn aus übersehenen Mutanten in einem geheimen Labor plötzlich Keime werden, die die ganze Menschheit vernichten können. Noch sind es nur über eine Million Menschen, die nicht mehr auf ihr Kurzzeitgedächtnis zurückgreifen können. In weniger als 30 Jahren werden sich diese Pflegebedürftigen verdoppelt und verdreifacht haben. Zu diesem Zeitpunkt wird auch jeder dritte Deutsche älter als 60 Jahre alt sein. Und was die Bevölkerungsvorausberechnung betrifft, so können Männer zu diesem Zeitpunkt mindestens 83 und Frauen 88 Jahre alt werden. Schon jetzt breiten sich die über 65jährigen, also die Rentner, flächendeckend aus. Insbesondere in Ostdeutschland. Das haben wir der Landflucht der Jüngeren in den letzten zwei Jahrzehnten zu verdanken. Sie gingen dort hin, wo es Ausbildung und Arbeit gab. Eines Tages sind die Alten ganz unter sich. Dann haben wir neben der Alpenrepublik auch eine Altenrepublik

Zum Glück werde ich das trotz der kontinuierlich steigenden Lebenserwartung nicht mehr erleben. Obwohl – es könnte doch ganz schön sein, zu einer wachsenden Mehrheit zu gehören. Aber wenn es eine Mehrheit ist, die überwiegend nur gepflegt und in Heime gesteckt wird, die nichts als Defizite hat, nur Kosten verursacht und den Jungen auf der Tasche liegt, macht langes Leben nicht wirklich Spaß. Neben den vielen Krankheiten droht dann auch noch die Altersarmut. Schon 2030 wird ein Rentner, der 45 Jahre lang durchschnittlich verdient hat, nur noch 59 Prozent seines früheren Nettoeinkommens zur Verfügung haben. Gar nicht auszudenken, was die eines Tages bekommen, die schon in ihrer Jugend als Minijobber nichts in der Tasche hatten.

Nun kenne ich allerdings auch Leute, die sich von all diesen düsteren Zukunftsprognosen gar nicht beeindrucken lassen. Das sind die, die nie Zeit haben und bei denen man nur unter Mühen einen Termin für ein Treffen bekommt. Die sind ausgebucht mit Arztterminen. Ich höre wie die Freundin genervt in einem Tageskalender blättert, als hätte sie die Zeit eines Großunternehmens zu verwalten. Dann findet sie doch noch eine Lücke zwischen Wartezimmer und Unterwassergymnastik. 18 mal im Jahr schaffen es die meisten. Zur Vorsorge, Nachsorge, akute Anlässe, fortlaufende Behandlungen, Prostata, Hautscreening Knochendichte, Bluthochdruck, grüner Star, grauer Star... Und das Schöne daran ist, wenn man einmal da war, bekommt man immer wieder einen neuen Termin – gleich fürs nächste Jahr. Da kann keine Langeweile aufkommen. Zur Gruppe der Aktiven gehören auch die, die das Alter gar nicht an sich heranlassen. Man darf sie nicht zum Geburtstag anrufen, weil sie nicht daran erinnert werden möchten, dass wieder ein Jahr rum ist.Und dann die, die sich zur Rente noch etwas dazuverdienen. Viele aus Lust am Tätigsein, andere, um nicht zum Amt wegen Sozialleistungen zu müssen. Ich kenne aber auch eine ganze Menge Senioren, die freiwillig jeden Tag für andere Menschen zu Gange sind. Bei der Betreuung von Enkel, in Seniorenclubs, als Nachhilfelehrer in Schulen, bei den Tafeln, im Tierschutz, als Firmenberater. Aber mit solchen Exoten kann man ja keine Angst und Schrecken verbreiten.

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jW-Ausgabe 08./09.03.2014 - "Kinder sind keine Kuscheltiere "

Was waren das für Zeiten, als nackte Babys auf weißen Fellen (natürlich Imitaten) fotografiert, die Herzen erwärmten.Und niemand hat Böses dabei gedacht. Heute gehört schon Courage dazu, ein Album mit nackten Kinderbildern – also Fotos von den eigenen Töchtern und Söhnen am Strand, in der Badewanne, im Buddelkasten – herumzuzeigen. Äußerst bedenklich. Zumindest moralisch. Haben die noch nichts von Pädophilen gehört, die sich an solchen Bildern aufgeilen? Doch, haben sie. Das laute, undifferenzierte, hysterische und mitunter dümmliche Geschrei kann ja niemand mehr überhören. Es ist schon merkwürdig, dass immer erst spektakuläre Fälle die öffentliche Meinung in Wallung bringen und die Politik schnell verspricht, neue Gesetzesverschärfungen auf den Weg zu bringen. Kaum ist die Sexismus-Debatte beigelegt, da regen wir uns über die Pädophilen auf. Als hätte es vor Herrn Edathy Menschen mit solchen Neigungen gar nicht gegeben, als wäre Kinderpornografie gerade erfunden worden.

Dem Warenumschlagplatz Internet ist schwer beizukommen. Es wird auch nach ermittlerischen Sternstunden weiterhin Bedürfnisse befriedigen und erzeugen, wenn es in den Kassen klingelt. Geld, viel Geld zu verdienen, kennt keine Moral. Bei der Produktion von Bildern, Filmen, Videos fängt der Missbrauch bei den minderjährigen Darstellern an. Darum gehören die Produzenten, Verkäufer und Käufer unablässig ins Visier der Fahnder. Das ist die eine Seite der Prävention. Die andere, Kindern zu helfen, nicht zu Opfern zu werden, wird gerade zu Boden getrampelt. Im Jahre 2012 waren es 14.865 Fälle, die zur Anzeige gebracht wurden. Die Dunkelziffer ist hoch, weil sich Missbrauch vor allem im Familien- und Bekanntenkreis, im vertrauten Umfeld von Kindern abspielt. Väter, Stiefväter, Opas, Onkels, Nachbarn. Das sind meist die Ersatz- und Gelegenheitstäter, die Macht ausüben wollen und sich Kinder gefügig machen. Sie sind nicht pädophil, und sie brauchen wahrscheinlich auch keine Vorlagen, um ihre Fantasien auszuleben. Sie greifen gleich zu.

Darum meine ich,verhindern der gegenwärtige Aktionismus, die Bilderstürmerei in Ausstellungen und Galerien, die in dem Angriff auf den nackten Gott der Liebe des Frühbarockmalers Caravaggio seinen Höhepunkt findet, keinen einzigen Missbrauchsfall.Wer hier mutmaßt und unterstellt, dass Kunstwerke, Hunderte Jahre alt, pädophile Gelüste erzeugen, muss vielleicht selbst einmal seine abwegigen Fantasien überprüfen. Anstatt die Erkenntnisse von Sexualpädagogen zu nutzen, wie man Kinder wehrhaft und unantastbar machen kann, laufen Sittenwächter und Moralapostel mit Schaum vor dem Mund herum. Sie wollen alles verbieten, alles zuhängen, alles von der Wand reißen, weil es Geschlechtlichkeit von Menschen zeigt. Kindliche Neugier braucht keine Animation. Nur wenn Mädchen und Jungen in der Familie altersgerecht in ihrer sexuellen Entwicklung begleitet werden, Vertrauen aufbauen können, sind sie gut vor möglichen Gefahren geschützt. Sie müssen zu Hause dazu befähigt werden, auszudrücken was sie wollen und was nicht. Auch liebe Verwandte sollten respektieren, dass Kinder keine Kuscheltiere sind, die man beliebig knuddeln kann. Selbstbewusste Mädchen und Jungen mit einem guten Verhältnis zu ihrem Körper wissen, dass niemand an ihnen herumfummeln darf. Aber Eltern scheinen in ihrer Panik zu keiner Sachlichkeit mehr fähig.

Da sagt in einer Talk-Show ein Vater von vier Kindern, dass er auf dem Spielplatz nur darauf achte, ob ein Mann ein Kind dabei hat. Wenn nicht, schwillt ihm der Kamm. Das finde ich eher krank als hilfreich. Wenn in Baden Württemberg gefordert wird, an den Schulen nicht über Homosexualität zu sprechen, dann glauben die Eltern dort wohl allen Ernstes, dass sexuelle Orientierung erlernbar ist.Wenn heute festgestellt wird, dass Sexualpädagogik selten in den Konzeptionen von Kindertagesstätten zu finden ist, dann haben wir mehr zu tun, als Gesetze zu verschärfen.

Das Thema ist allerdings nicht wirklich neu. Als mein Kinderbuch „Ich und du & du und ich“ das kurz vor der Wende im Verlag Junge Welt erschienen war, in den Westen geriet, wurde es argwöhnisch betrachtet. So viele künstlerisch perfekte Nacktfotos – und das in der DDR.! Gekauft hatten es damals Eltern, um ihre Kinder mit Wissen lebenstüchtig zu machen. Heute würden wohl Autorin und Fotograf unter Anfangsverdacht geraten.

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jW-Ausgabe 22./23.02.2014 - "Beim zweiten Mal wird alles besser? "

Wiederholungen können manchmal unangenehme Konsequenzen haben. Am Geldautomaten zum Beispiel. Dreimal die falsche PIN eingegeben, und schon verweigert das Gerät die weitere Kommunikation. Gesperrt. Aus. Kein Geld. Oder bei Verstößen gegen die Verkehrsregeln. Pünktchen für Pünktchen bis zum Führerscheinentzug. Die Teilnahme am Straßenverkehr ist auf längere Zeit nicht möglich. Plötzlich Fußgänger, Bahnfahrer wider Willen. Da ist es doch ganz erstaunlich, dass Scheidungen und Eheschließungen beliebig oft wiederholt werden können und es keine Sperrzeiten gibt. Obwohl ja da auch immer etwas falsch gemacht wurde. Es gibt jedoch tatsächlich keinerlei Beschränkungen. Auch nach dem vierten, fünften, sechsten Mal nicht. Zu solchen Rekorden kommt es natürlich selten. Wer es allerdings in der ersten Ehe nicht mal ein Jahr aushält – 2012 kam das 2300 mal vor – der hätte noch viel Luft nach oben. Der Schnitt liegt beim zweiten und dritten Versuch.

Ist ein Scheidungsurteil rechtskräftig, können sich die Geschiedenen sofort wieder in ein neues Ehevergnügen stürzen. Eheuntauglichkeit ist kein Delikt, es schadet niemand. Wenn wir mal von den unmittelbar Betroffenen, also den Partnern, den Kindern, nahen Familienangehörigen und Haustieren absehen. Aber selbst stressige Auseinandersetzungen über Couchtisch und Sesselgarnitur, über Anwaltskosten und Unterhalt können Männer und Frauen nicht davon abhalten, es doch immer noch mal zu probieren. Zwei Drittel der Geschiedenen heiraten wieder. Bei Müttern und Vätern mit minderjährigen Kindern sind es etwa 40 Prozent.

Man könnte annehmen, beim zweiten Mal geht alles besser. Die Partner sind älter, haben ihre Erfahrungen gemacht, konnten tiefer in sich selbst hineinhorchen, glauben toleranter geworden zu sein. Aber denkste.! Das Risiko, sich scheiden zu lassen, wird größer. Von Ehe zu Ehe. Bei der Liebe kann man sich leider nicht in einem Ersatzteillager bedienen, um erkannte Schäden zu beseitigen. Die Lernfähigkeit hat in Beziehungsfragen ihre Grenzen. Es wird immer der Typ gesucht, der ureigenste Bedürfnisse befriedigt und das hat, was einem selbst fehlt. Das bleibt unbewusst ein Leben lang so und führt bei der Partnerwahl zu einem erstaunlichen Wiederholungszwang. Eine echte Chance für alle Zweitstarter wäre es, sehr bewusst auf viele Gemeinsamkeiten zu achten. Sie verbinden und halten zusammen.

Emotionale und materielle Altlasten werden von den Heiratswilligen oft unterschätzt. Unabhängig von Unterhaltsverpflichtungen, bedeutet eine Scheidung immer auch Verlust an materiellen Gütern. Es muss in der zweiten Ehe Vieles neu angeschafft werden. Oder einer setzt sich in das hinein, was dem anderen gehört. Das führt heutzutage sofort zu einer Diskussion über Vermögensfragen und Besitzansprüchen. Man kann ja nicht wissen wie lange, trotz aller guter Absichten, der zweite Versuch hält. Diese Vorsicht ist durchaus berechtigt. Sind beide Ehepartner Geschiedene, ist die Wahrscheinlichkeit einer Trennung statistisch gesehen noch naheliegender als beim ersten Mal.. Als entscheidenden Grund nennen Untersuchungen die Stiefkinder.

Sie bringt Kinder mit. Er lässt welche zurück.Oder umgekehrt. Öfter wird das Ganze mit einem gemeinsamen Kind gekrönt. Und dann die gesetzlich geregelten Kontakte der Kinder mit den Ex-Partnern. Das verlangt logistisches Talent und Ruhen in sich selbst. Obwohl beide Partner über Mutter- und Vatererfahrungen verfügen, gelingt es häufig nicht, einen Erziehungsstil für die neue Familie zu finden. Patchwork – das klingt so heiter, und man denkt unwillkürlich an zusammengehäkelte bunte Flicken. Aber wenn die Nähte Risse bekommen, baumeln nur noch Fetzen.

Wer den Versuch trotzdem wagen will, sollte nach einer Scheidung nichts überstürzen. Drei bis vier Jahre brauchen die meisten Menschen, um sich so zu stabilisieren, dass sie ohne Kopfweh und Herzdrücken in eine neue amtlich beglaubigte Beziehung starten können. Wer sich diese Pause gönnt, ist dann beim zweiten Versuch in der Lage, offener über alles zu reden, das Positive am anderen mehr zu schätzen und negative Ereignisse weniger aufgekratzt zu thematisieren. Also Zeit lassen. Das macht nicht nur altersweise, sondern schränkt die Lust, beliebig oft zu heiraten, erfreulich ein.

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jW-Ausgabe 08./09.02.2014 - "Davor und danach "

Eine kleine Pille schafft es einfach nicht, auf die Tagesordnung im Bundestag zu kommen. Fast wäre es ihr im Januar gelungen. Aber dann wurde sie doch wieder runtergeschubst. Es gibt zu ihrer Rezeptpflicht, die sie unbedingt los werden möchte, arge Meinungsverschiedenheiten unter den Koalitionspartnern. Dabei haben schon so viele Experten, Sachverständige, ehrenwerte Kommissionen, Ausschüsse, Institute, die WHO und selbst der Bundesrat nur Gutes über sie gesagt.

Schon vor über zehn Jahren gab es Expertenempfehlungen zur Freigabe der „Pille danach“, aber eine entsprechende Vorordnung kam nie zustande. Nun hätte der Bundesgesundheitsminister die Chance, das sonst so auf vordere Plätze bedachte Deutschland noch auf den 29. in Europa zu bringen. Immerhin nicht ganz Schlusslicht. In Polen und Italien können Frauen auch nicht ohne Beratung, Nachfrage und Kontrolle entscheiden, wenn sie nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr eine mögliche Schwangerschaft verhindern möchten. Die kämen dann noch nach uns, wenn wir es schaffen würden, davor zu sein.

Postkoitale Kontrazeption nennen die Mediziner das. Sie ist für den Notfall gedacht. Wenn also beim Sex etwas schiefgelaufen ist mit der sicheren Verhütung. Das kann mal passieren, weil die tägliche Pille vergessen wurde, ein Kondom den Dienst versagte, die Lust im ungünstigen Moment den Verstand besiegte. Oder weil eine Frau gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurde. In all diesen Fällen kann das Medikament mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, wenn es spätestens 72 Stunden nach der Risikosituation eingenommen wird, eine Schwangerschaft verhindern. Der Eisprung wird verzögert, und die lauernden Spermien geben in der Warteschleife auf. Nach drei Tagen sind sie in der Regel erledigt. Das Zeitfenster ist eng. Der Wettlauf mit der Zeit kann zum Problem werden, wenn der Arzt nicht um die Ecke wohnt oder im Wartezimmer längst die Lichter ausgeknipst wurden. Kein Rezept – keine Pille.

Zugegeben -“ Pille danach“ – klingt ein bisschen wie Dessert. Möglicherweise kam der CDU-Gesundheitsexperte Spahn deshalb auf den unsinnigen Vergleich mit den Smarties. Wie der Oberdoktor der Nation teilte er mit, dass es für die CDU klar sei, dass es die „Pille danach“ auch in Zukunft nur auf Rezept geben wird. Zu viele Risiken und Nebenwirkungen. Ob die Pille überhaupt nötig ist, könne nur ein Arzt entscheiden. Na klar, alle zu nachlässig, zu dämlich. Frauen können nicht mit ihrem Körper und ihrem Zyklus umgehen. Dazu brauchen sie sachkundige Männer. Ich behaupte, dass es sich sogar in bildungsfernen Kreisen herumgesprochen hat, dass eine Frau nicht jeden Tag schwanger werden kann, dass es fruchtbare und unfruchtbare Tage gibt. Sollten sich da Wissenslücken andeuten, wäre der Sexualkundeunterricht für Mädchen und Jungen an den Schulen der richtige Ort, um die Möglichkeiten der Verhütung von den natürlichen Methoden bis zu den hochwirksamen Medikamenten nachhaltig zu besprechen..

Es ist schon bemerkenswert, dass keine Gelegenheit ausgelassen wird, konservatives Denken und eine lebensfeindliche Sexualmoral zu konservieren. Da sollen die Hüter der Verschreibungspflicht für eine „Pille danach“ nur aufpassen, dass sie vom Reformwillen der Katholischen Kirche nicht überrollt werden. In der vom Papst angeregten Meinungsumfrage hadern die Katholiken vor allem mit dem Verbot von Verhütungsmitteln. Sie lehnen es ab und halten sich nicht daran. Für wen machen sich die Unionspolitiker jetzt eigentlich stark, wenn sie den Zugang zu einem Medikament erschweren?

Ich denke, dass Frauen mit den unerwünschten Folgen von Lust und Liebe schon immer eine Last zu tragen hatten. Sie haben riskant abgetrieben, sind bei sich jährlich wiederholenden Geburten gestorben, legten in ihrer Not Neugeborene vor Klostertore, wurden als ledige Mütter verachtet. Weil sie leichtsinnig waren, nicht aufgepasst hatten, nicht keusch lebten, sich nicht verweigern konnten. Dann endlich wurde es möglich, sexuelle Lust von der Fortpflanzung sicher zu trennen.. Es gab hormonelle Verhütungsmittel, eine ungewollte Schwangerschaft konnte.straffrei beendet werden. Und wieder waren es die Frauen, die sich erklären mussten, die befragt und beraten wurden, um den erforderlichen Schein zu bekommen. Sie sind jetzt erfahren im Krisenmanagement.

Wie lange will man ihnen die Jagd nach Scheinen und Rezepten noch zumuten? 

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jW-Ausgabe 25./26.01.2014 - "Hokuspokus Fidibus "

Auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Ich meine die unruhigen 60er Jahre in der BRD. Sexuelle Revolution, Studentenbewegung, also das Aufbegehren der 68er. Der Anlass war nicht etwa die Unzufriedenheit mit einer rigiden Sexualmoral, die nur aus Drohungen und Warnungen bestand. Es waren auch nicht die politischen Forderungen nach sozialer Chancengleichheit und der Zorn auf ein altbackenes Hochschulwesen, der Wille zur Beendigung des Vietnamkrieges und der Ruf nach einer Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Nein. Es war das Uranus-Pluto-Quadrat, das es ermöglichte Werte zu überprüfen und zu erneuern. Das erfahre ich endlich aus einem Jahreshoroskop 2014, weil sich jetzt, gut 50 Jahre später, wieder ähnliche Konstellationen ergeben. Wir dürfen also gespannt sein. Oder wir erkennen, wie die Dinge zusammenpassen können, ohne etwas miteinander zu tun zu haben.

Nun wollen die Menschen mit dem Blick in die Sterne nicht zurückschauen, sondern wissen was auf sie zukommt. Was früher die Sterndeuter, Wahrsager und Kartenleser auf den Jahrmärkten als ein Spektakel anboten, haben heute die Medien mit Horoskopen übernommen. Es behaupten zwar alle, die gefragt werden, mit dem Brustton der Überzeugung, dass sie diesen Quatsch sowieso nicht lesen. So reden die Leute fast immer, wenn es so aussieht als wären sie unsicher im Leben und brauchten Nachhilfe. In Wirklichkeit entdeckt jeder vierte Deutsche in den Voraussagen der Horoskope doch Wegweisendes. Das ist auch gar nicht so schwer, weil wir alle gern das glauben, was wir glauben wollen. Oder weil da etwas drin steht, was wir ersehnen. In Lebenskrisen ist der Bedarf an Zuspruch besonders groß. Zukunftsängste, die heute viele Menschen erfassen - sei es die spätere Rente, die steigenden Mieten, die Kapriolen der Natur, der unberechenbare Terrorismus - sind die Sternstunden der Astrologen, des Aberglaubens, der Esoterik.

Bemerkenswert finde ich, dass es vor allem Frauen sind, die den Sternen folgen. Ein Drittel weiblicher Leser von Horoskopen steht einem Sechstel männlicher gegenüber. Da haben wohl bereits die Kochhefte und Lifestyle-Magazine, die vielen bunten Blätter mit den Mädchennamen ihre Wirkung hinterlassen. Ich will nicht behaupten, dass von dieser Begrenztheit Gefahren ausgehen. Die Aussagen von Horoskopen sind so beliebig, dass irgendetwas zutrifft bei den Steinböcken oder Jungfrauen, den Fischen oder Skorpionen.Und immer schön im Konjunktiv bleiben. Mit hätte, sollte, könnte kann gar nichts schief gehen. Der Hinweis, über sich nachzudenken oder etwas Sinnvolles zu tun, sich beispielsweise einen Schal umzubinden, um sich vor Erkältung zu schützen, kann ja nicht falsch sein. Dass die Ostdeutschen selbst beim Glauben an die Macht der Sterne nach so vielen Jahren immer noch hinter den Westdeutschen her hinken, ist bezeichnend. Dabei war anzunehmen, dass sie sich auf alles stürzen, was ihnen 40 Jahre vorenthalten blieb. Aber so ist das mitunter: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

Etwas desillusionierend ist es, dass die Horoskope in den Zeitungen gar keine richtige Astrologie sind. Die beziehen sich nämlich nur auf die Tendenz, die das Sternzeichen zeigt. Den Rest machen dann Agenturen mit Phantasie und Schneegestöber. Manchmal habe ich den Verdacht, dass Sponsoren hinter den Texten stehen. Wenn z.B. Glückszahlen zum Lottospielen animieren, bei Gesundheit nur von Bio-Ernährung die Rede ist oder ständig Wellness-Wochenenden empfohlen werden. Irgendwie muss ja ein solcher Service für den Leser auch bezahlt werden. Wenn man nämlich richtige Horoskope will, also so ganz persönliche Aussagen der Sterne, dann gehört auch der Geburtsort und die Geburtszeit zur Auswertung. Und das kostet dann ganz schön Geld, wenn das abstrakte Regelwerk der Astrologie in Gang gesetzt wird .Es kann zwar auf eine Jahrtausende alte Geschichte verweisen, aber die Aussagen entziehen sich bis heute einer wissenschaftlichen Überprüfung.Unverzichtbare Bestandteile jeder wissenschaftlichen Methodik sind Logik und Experiment. Das weiß jeder Schulabgänger auch ohne Abitur. Was dabei herauskommt ist aber viel zu nüchtern und zu wahr. So kann eben in Zeiten der Unsicherheit und des Misstrauens der Blick in die Sterne zur Scheinreligion werden. Woran soll man sonst bloß noch glauben, wenn jetzt sogar die Gelben Engel versagt haben? 

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jW-Ausgabe 11./12.01.2014 - "Oute sich wer kann "

Schön wäre es, wenn das nicht die Meldungen wären, die die Leute vom Hocker reißen. Ich meine die neue Umweltministerin, die mit ihrer Lebenspartnerin Silvester gefeiert hatte. Und dann die Diskuswerferin, die ihre Freundin geheiratet hat und sich nun beide ein Kind wünschen. Und jetzt auch noch ein Fußballprofi, der sich zu seiner Homosexualität bekennt. Was ist daran so mitteilenswert, so sensationell?

Zunächst nichts. In unserer aufgeklärten, toleranten Gesellschaft kennen wir doch bereits Minister, Bürgermeister, Moderatoren, Künstler und andere prominente Bürger und Bürgerinnen, die ihre Gefühle dem gleichen Geschlecht schenken. Da fragt sich mancher warum jede neue Entdeckung, jedes freiwillige Bekenntnis immer wieder Staunen, Überraschung und Bewunderung auslösen. Getöse in den sozialen Netzwerken. Rauschen im Blätterwald. Das lässt nur auf eins schließen.Wir sind noch längst nicht bei einem gleichberechtigten und unaufgeregten Umgang mit dem Anderssein angekommen. Sicher, im Vergleich zu anderen Ländern würden wir weit vorn liegen. Wir könnten uns selbstgefällig auf die Schenkel klopfen angesichts der souveränen Promis in homosexuellen Beziehungen. Mit Empörung blicken wir nach Russland mit seinen schwulenfeindlichen Gesetzen. Wir verurteilen, dass in 79 Ländern der Erde Homosexuelle strafrechtlich verfolgt werden. In sieben Ländern droht sogar die Todesstrafe. Indien hat die Aufhebung strafrechtlicher Verfolgung gerade wieder zurückgenommen. Der Papst arbeitet an der Vorbereitung einer Sonderbischhofssynode in diesem Jahr, wo es endlich auch um homosexuelle Partnerschaften gehen soll. Es ist noch viel, sehr viel zu tun. In Deutschland gibt es keine Paragrafen, die Homosexualität kriminalisieren. Auch dieser Weg war lang. Zurückblickend ging es immer um Verachtung und Verfolgung. Nicht nur im Mittelalter. Nicht nur während der Nazidiktatur. Geblieben sind Vorurteile in den Köpfen. Und seien es nur die Zuordnungen von angeblich typischen Eigenschaften, an denen man Homosexuelle erkennt. Auch wenn sie mitunter ganz freundlich klingen, stigmatisieren sie doch Menschen

Wenn ich es recht bedenke, wurde die Liebe von Mann zu Mann und Frau zu Frau erst durch offiziell bestätigte Paarung salonfähig. Als normal gilt eben doch nur, was die Mehrheit vorlebt. Das ist auch schon wieder eine Weile her, als im Sommer des Jahres 2001 die ersten schwulen und lesbischen Paare eine sogenannte Homo-Ehe oder eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen konnten. Ein Anpassungsversuch mit abgespeckten Rechten. Immer ließ es die Politik darauf ankommen, dass weitere Schritte zu einer gleichberechtigten Lebensweise beim Bundesverfassungsgericht eingeklagt werden mussten. 13 Jahre nach den ersten Eheschließungen steht immer noch das Recht aus, ein Kind zu adoptieren. Die Kanzlerin und angeschlossene Verbände konnten sich nämlich noch vor einigen Monaten nicht vorstellen, dass gleichgeschlechtliche Paare Adoptiveltern sein können. Sind das harmlose Bedenken oder tiefsitzende Vorurteile?

Bei den vielen Comingouts in den Medien könnte man fast glauben, die Welt der Homosexuellen besteht nur aus prominenten Persönlichkeiten und Paaren. Was ist mit den Ledigen, den Singles, den Bindungsunwilligen, den Unbekannten, den Kleinstadt-und Dorfbewohnern unter ihnen? Erfahren sie ebensolche Aufmerksamkeit? Werden sie mit dem gleichen Respekt und der selben Toleranz betrachtet? Oder sind sie doch eher Zielscheiben für Ablehnung, dumme Sprüche und Gewalt? Wahrscheinlich denken diese Männer und Frauen immer noch sehr genau darüber nach, ob sie ihre sexuelle Orientierung öffentlich präsentieren. Wenn sie durch Berichte über den Silvesterabend der lesbischen Umweltminiserin und dem öffentlichen Bekenntnissen eines schwulen Sportlers ermutigt werden, sich in ihrem Umfeld nicht weiter zu verstecken und zu verstellen, dann wäre der Medienlärm berechtigt. Mir bleibt dennoch die stille Hoffnung, dass Schlagzeilen über eingesparte Treibhausgase oder sportliche Rekorde eines Tages wichtiger werden als eine sexuelle Orientierung. Aber das liegt ausschließlich am geistigen Horizont von Männern und Frauen, die nicht schwul oder lesbisch sind. 
 

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"Wir freuen uns, daß Jutta Resch-Treuwerth wieder als Kolumnistin für diese Zeitung tätig ist. Alle zwei Wochen wird es an dieser Stelle um Liebe, Lust und Last, Körper und Kopf gehen. Die Autorin war bis 1992 Redakteurin der jungen Welt und schrieb über 20 Jahre lang die Aufklärungskolumne »Unter vier Augen«."    (jW 30.03.2013)

Interviewauszug JW

Können Sie sich erklären warum die Kolumne „Unter vier Augen“ eine so große Beliebtheit erreicht hat? Noch heute sprechen damalige Leser voller Begeisterung davon, obwohl die Beiträge schon seit 20 Jahren nicht mehr erscheinen.

Das ist sicher ein kleines Phänomen in unserer schnelllebigen Zeit. Im Jahre 1963, als in der politischen Tageszeitung „Junge Welt zum ersten Mal „Unter vier Augen“ erschien, war das eine Sensation. Über Liebe und Sex wurde in der Öffentlichkeit kaum gesprochen. Und über die Jugendliebe schon gar nicht. Das war zu dieser Zeit auch im Westen nicht besser. Die neuen Themen in der Zeitung ersetzten die fehlende Literatur und nicht vorhandene Beratungsstellen. Mädchen und Jungen zwischen 14 und 16 Jahren bekamen die Möglichkeit, ihre ganz persönlichen Fragen an die Redaktion zu schicken, sich etwas von der Seele zu laden. Und da damals der Kontakt zwischen Redaktion und Leser ausschließlich über den Brief funktionierte, wurde geschrieben und geschrieben - überwiegend mit der Hand, selten mit einer Schreibmaschine.

Was passierte mit der Briefflut?

Alle Briefe wurden beantwortet, auch wenn sie nicht für die Veröffentlichung infrage kamen. Das setzte Offenheit und Vertrauen auf beiden Seiten voraus, denn wer eine Rückmeldung wollte, musste mit Namen und Adresse schreiben. Darüber hinaus waren die dargestellten Probleme in der Zeitung eine Orientierungshilfe für Eltern und Lehrer. Da gab es so manchen „Aufreger“, der in den Klassenzimmern und zu Hause beim Abendbrot zu riesigen Debatten führte. Die liebevolle Erinnerung vieler Leser an „Unter vier Augen“ ist ein Stück eigenes Erwachsenwerden. Die Rubrik, die jede Woche einmal erschien (eine Zeitung kostete 10 Pfennige, am Wochenende 15 Pfennige), hat junge Mädchen und junge Männer von der Pubertät bis in ihre große Liebe und in die feste Partnerschaft begleitet. Diese guten Erfahrungen wurden an die nächste Generation weitergegeben.

In Ihrem Buch “Liebesbriefe aus zwei Jahrzehnten“, das Anfang der 90er Jahre erschien, veröffentlichen Sie Briefe, die nicht nur mit Liebe und Sex etwas zu tun haben. Und die teilweise auch von nicht jugendlichen Lesern verfasst wurden. Waren das Briefe, die zu DDR-Zeiten nicht erscheinen durften?

Es sind vor allem Briefe, die aufgrund ihrer Ausführlichkeit und wegen des Blicks hinter die Kulissen nicht für ein Frage- Antwort Format geeignet waren. Es wäre schade gewesen, sie darauf zu reduzieren. Ich habe diese Briefe über lange Zeiträume gesammelt. Die Idee, daraus ein Lesebuch zu machen, existierte schon vor der Wende. Aber so richtig wollte das niemand haben. Es waren einfach zu viel Unglück, Trauer, Verlassenheit, Konflikte auf einem Haufen. Die DDR wollte immer nur in strahlende Gesichter sehen. Natürlich habe ich dann nach der Wende auch noch mal auf Briefe geschaut, die ihres Inhalts wegen zu den Tabuthemen gehörten. Ich denke da an die Ausreisenden, an die West-Omas, an Behinderungen von Homosexuellen, die Einstellung zu ausländischen Freunden. Das Spannende an diesen Briefen ist, dass sie über ein Liebesproblem hinausgehen und DDR-Alltag beschreiben wie er tatsächlich empfunden und gelebt wurde. In diesen Zeitdokumenten hat niemand die rosarote Brille auf der Nase und es gibt keine Wertungen aus heutiger Sicht.

Interviewauszug aus jW
(16./17.März 2013)